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25 Quadratmeter für sechs Personen

Damit es Marie (18) einmal besser hat, muss sie gute Noten schreiben. Carlitos, Lehrer und Jugendleiter, hilft ihr. Das allein genügt aber nicht. Im Umgang miteinander ist Sozialkompetenz gefragt.

Marie führt uns, meine Tochter Tanja, Carlitos und mich, in einen Hinterhof. An einem gemauerten Haus (darin wohnen Verwandte, erklärt Marie) und an einem Wassertrog vorbei zu einer Bretterhütte. Hier wohnt Marie mit ihren Eltern und drei Geschwistern. Der Raum ist schätzungsweise 20-25 m2 gross, das Dach mit Plastikplachen verstärkt. Dicht sieht das nicht aus.

In einem Kajütenbett ist Platz für vier Kinder. Neben dem Bett ist die Nähecke der Mutter. Sie näht Kleider für ein ‘Modehaus’ und verdient dabei 3-4 Franken pro Tag. Das Ehebett ist durch einen Kleiderschrank etwas abgetrennt. In der Mitte des Raumes ein Esstisch gleich neben der Kochecke. In dieser Behausung lernt Marie, denn sie will es einmal besser haben als ihre Familie.

Die Einrichtung lässt nicht darauf schliessen, dass der Vater Schreiner ist. Er arbeitet auf eigene Rechnung und stellt Möbel her. Eigene Werkzeuge besitzt er keine. Er mietet welche, wenn er wieder einen Auftrag hat.

Marie geht in die Jugendgruppe von Carlitos und nutzt den angebotenen Nachhilfeunterricht. Ich will erfahren, wie Marie lebt und wie sie von Carlitos Angebot profitiert.

Daniel: Wie sieht dein gewöhnlicher Tagesablauf aus?
Marie: Um acht Uhr dreissig stehe ich auf, mache Hausaufgaben und helfe in der Küche. Nach dem gemeinsamen Mittagessen gehe ich zur Schule, von 13:45 bis 18:45 Uhr. Dann gehe ich nach Hause oder zu Carlitos.

Daniel: Machst du die Hausaufgaben hier?
Marie: Ja. Ruhig ist es nicht, weil immer jemand da ist, meine Geschwister oder meine Eltern. Aber ich kann hier am Tisch Aufgaben machen. Wenn ich für eine Prüfung lernen muss und es nicht regnet, gehe ich nach draussen zur Waschküche. Dort lerne ich dann.

Daniel: Was sagen deine Eltern dazu, dass du in die Jugendgruppe Rescatones gehst?
Marie: Sie finden das gut – die Mutter nickt bestätigend – weil ich viel Gutes lerne. Ich lerne vieles über Beziehungen, z.B. zu meinen Mitschülern, meinen Eltern, aber auch über mich selber. Ich habe gelernt, weniger rebellisch zu sein und meine Eltern und Geschwister besser zu respektieren. Meine Noten in der Schule haben sich verbessert, weil ich zu Carlitos in den Nachhilfeunterricht gehe.

Daniel: Gibt es Dinge, die du in deinem Leben verändern möchtest?
Marie: Ich möchte meiner Familie helfen, von hier wegzukommen, dass wir besser wohnen können.

Bei unserer Ankunft werden wir verpflegt. Es gibt mit Käse überbackene Yuca (schmeckt wie Kartoffelstock mit Raclettkäse). Nach dem Interview sind wir auch zum Mittagessen eingeladen. Ehrlich gesagt, es schmeckte mir nicht sonderlich. Ja, ich bin mir bessere Zutaten und vor allem besseres Fleisch gewohnt. Aber diese Leute haben keine Wahl. Es wird mir bewusst, dass sie ihr Weniges teilen und schäme mich, dass ich so heikel bin. Warum fällt es armen Leuten einfacher zu teilen, als uns Reichen?