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Gefühle: ja – Bitterkeit: nein!

Carmen, die Mutter von Me Vor zwei Wochen fand die Konferenz “Mujeres de Hoy” (Frauen von heute) statt, die Campus für Christus Bolivien jedes Jahr organisiert und durchführt. Dabei gibt es verschiedene Schwerpunkte. Einerseits geht es darum, die Frauen zu ermutigen und ihnen zu helfen wie sie ihre Probleme überwinden aber auch ihre Talente und ihre Berufung in ihrer Rolle als Tochter, Ehefrau oder Mutter finden können. Anderseits werden auch Grundlagen des christlichen Glaubens angesprochen, wie man eine persönliche Beziehung zu Gott pflegen und wie man Liebe und Vergebung persönlich erleben kann.

Die zweieinhalbtägige Konferenz wurde von ca. 200 Frauen besucht. Von unserem Schülerprojekt haben wir diejenigen Schülerinnen eingeladen, die Kontinuität, Interesse und Wachstum zeigen. Da wir „nicht nur“ den Schülern helfen wollen, sondern auch ihren Familien, haben wir die Gelegenheit genutzt, auch deren Mütter einzuladen. Drei haben die Einladung angenommen. Ausserdem kam die Direktorin der Schule, wo wir arbeiten und sechs unserer Rescatones, Mädchen unserer Jugendgruppe, mit.

Auf die Frage, welches Thema ihr am besten gefallen habe, warum, und wie sie es in ihrem Leben umsetze, antwortet Carmen, die Mutter von Mery:

Mir haben alle Themen gefallen, da ich aus jedem einige Punkte für mein Leben entnehmen kann. Sehr berührt hat mich der Satz: „Ein Leben mit Gott bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben oder zeigen zu dürfen.“
Ich habe mehrere Male die Erfahrung gemacht, dass Frauen Probleme nur kurz antönen und dann sofort hinzufügen, dass schon alles gut werden wird, weil sie auf Gottes Eingreifen vertrauen. Die gleiche Reaktion kam dann jeweils auch, wenn ich selber ein Problem oder eine Schwierigkeit von mir ansprach. Anstatt auf Verständnis und hörende Ohren zu stossen wurde mir nur gesagt, dass Gott diese Situation zum Besten führen wird und ich nur vertrauen und glauben müsse.
Der Satz der Rednerin zeigte mir, dass ich Gefühle wie Angst, Trauer und Sorgen eingestehen und mit meinen Mitmenschen und mit Gott darüber sprechen darf.
Die Rednerin erzählte von sich selbst, wie sie vor einem Jahr von einem sich schnell ausbreitenden Brustkrebs geheilt wurde. Von den erlebten Höhen und Tiefen in den eineinhalb Jahren Chemotherapie. Ihre Worte „Weine viel – aber werde nicht bitter“ habe ich mir zu Herzen genommen. Denn, wie die Rednerin erwähnte, werden wir nicht alle mit Krebs kämpfen müssen, aber jede von uns wird mit verschiedenen Problemen konfrontiert.

Eine Woche vor der Konferenz vereinbarte ich mit meiner Tochter, dass wir nach der Schule, wo ich arbeite und sie zur Schule geht, gemeinsam nach Hause gehen würden. Als ich meine Tochter nach dem Unterricht suchte, war sie nicht aufzufinden und niemand schien zu wissen, wo sie war. Ich machte mir die grössten Sorgen. – Hier in Santa Cruz hört man ja beinahe täglich von Raubüberfällen, Schlägereien und Banden. Und dies gerade auch in den Schulen.
Als ich Mery nicht finden konnte und zu Hause anrief, nahm sie selbst den Hörer ab. Der Erleichterung in diesem Moment folgte Verärgerung, Wut und Tränen.
Mery war etwas deprimiert wegen einem verlorenen Ballspiel, rief ihren Vater an und bat ihn, sie abzuholen. Weder meinem Mann noch Mery war es in den Sinn gekommen, bei mir im Schulzimmer vorbeizuschauen oder mich anzurufen.

Als ich nun an der Frauenkonferenz diesen Satz hörte: „Weine viel – aber werde nicht bitter“ wurde mir bewusst, dass ich das Recht hatte zu weinen, auch mich zu sorgen oder sogar zu ärgern, aber statt mich mit diesem Ärger und dieser Wut zurückzuziehen, hätte ich mit meinem Mann und meiner Tochter über diese Angelegenheit reden sollen. Bitterkeit kann tiefe Wurzeln schlagen und einen gefangen nehmen. Miteinander sprechen und einander vergeben jedoch macht frei.