Alles begann 1973 mit dem «Kurs für ansteckendes Christentum» in Amriswil, an dem HP und Vreni teilnahmen. Heute würde wohl ein solcher Kurstitel für mehr Fragen als für Anmeldungen sorgen, aber jene Tage – das persönliche Erfahren der Kraft des Heiligen Geistes und das Miterleben, wie Menschen in der Folge Jesus in ihr Leben einluden – weckten eine Sehnsucht in dem damals noch jungen Ehepaar, die bis heute spürbar ist. Wenn Vreni und HP über ihre erste Zeit als Mitarbeitende bei Campus für Christus erzählen, leuchten ihre Augen und sie strahlen grosse Freude und Dankbarkeit aus für all das, was sie in den fünf Jahrzehnten bei Campus für Christus erleben und teilen durften.

 

Erwecklich. Geisterfüllt. Lebendig.

1976 liessen sich die beiden als vollzeitliche Mitarbeitende zu Campus für Christus berufen. Es war die Entscheidung gegen eine vielversprechende Karriere in der Wirtschaft und im Familienbetrieb und für ein Leben als «Missionare» in einem kleinen Werk mit grossen Ambitionen. Seine unternehmerische Energie brachte HP zunächst bei der Gründung der Arbeit unter Studierenden ein, später in der «Aktion Neues Leben», bei mehreren EXPLO-Konferenzen, bei Pionierprojekten im Ausland und als Programmverantwortlicher bei Christustagen.

Mit drei grossen Zielen übernahm HP 1983 die Leitung von Campus für Christus, die ihn und Campus für Christus über 30 Jahre lang bewegen und antreiben sollten: (1) In jedem Ort der Schweiz sollten erweckliche Gemeinschaften entstehen, (2) geisterfüllte Leiterinnen und Leiter in allen Bereichen der Gesellschaft gefördert und (3) geistliche Ströme in Form von Know-how, Menschen und Finanzen freigesetzt werden. Zu diesen drei Zielen kam im Laufe der Zeit die Förderung der Einheit unter Christinnen und Christen als weiteres wichtiges Ziel dazu, das Campus für Christus in der Schweiz wesentlich prägen sollte. «Denn mir wurde bewusst, dass die ersten drei Ziele nur in Gemeinschaft mit dem ganzen Leib Christi erreicht werden könnten. Nicht zuletzt sollten die EXPLO-Konferenzen dazu dienen», so HP.

Wenn HP von seiner ersten Begegnung mit Pfarrer Ernst Sieber und Weihbischof Martin Gächter erzählt, blitzt sie wieder auf, diese Leidenschaft für Einheit von Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Traditionen und Denominationen. Als Vorreiter bereiteten HP und Vreni zusammen mit anderen den Weg, auf dem sich Campus für Christus auch heute noch für das Miteinander der Kirchen in der Schweiz einsetzt.

 

Besondere Highlights feiern …

Ein erstes Highlight war die «Aktion Neues Leben», durch die in den 1980er-Jahren über 3000 Bibel-Gesprächskreise entstanden sind. Vreni erinnert sich gerne an diese Zeit: «Bis heute hören wir, was die ‹Aktion Neues Leben› bewegt hat. Tausende Christen haben sich aktiv beteiligt. Hunderte von Gebetsseminare und Kurse über ‹Vom Glauben reden lernen› wurden landauf landab durchgeführt. Und überall hingen Plakate ‹Neues Leben – schon gefunden?›». 

Über die Jahre hinweg konnten verschiedene Ministries gegründet und Dienste in vielen Ländern gestartet werden. Immer wieder betonen die beiden, wie Gott sie im Lancieren von neuen Diensten und Projekten mit offenen Türen überrascht hat. Die Dankbarkeit darüber, all das miterlebt zu haben, und die Faszination für das einende und kraftvolle Wirken des Heiligen Geistes sind bis heute gross. Ein Highlight, das sich auf besondere Art in die Geschichte der Nüeschs eingebrannt hat, ist der Christustag 2004: «Zweimal brach die Sonne durch, als am 13. Juni die Fahnenträger der (damals) 2786 politischen Gemeinden und die 117 Nationalflaggenträger das Fussballfeld im Basler Joggeli betraten. Es war, als würde Gott uns damit seine Freude darüber zeigen, dass Christinnen und Christen sich dazu verpflichten, fortan für ihre Mitmenschen zu beten und sie unter den Segen Gottes zu stellen.»

 

… und aus schmerzhaften Momenten lernen

Aber es gab auch schwierige Momente, bei denen Campus für Christus Gefahr lief, von einer lebendigen Bewegung zu einer toten Maschine zu mutieren. Alles schien äusserlich gesehen zu funktionieren, aber das innere Feuer fehlte. Da half es, das geplante Programm zu streichen und gemeinsam im Gebet auf Gottes erneuerndes Wirken zu warten – was dann auch, Gott sei Dank, nicht ausblieb. 

Zuweilen fühlten sich Nüeschs zu Unrecht angegriffen, weil sie mit Campus für Christus gewisse Glaubensgeschwister unterstützten, die nicht zum evangelikalen Mainstream gehörten. «Gott lehrte uns, nicht selbst zu kämpfen oder uns zu verteidigen, sondern ihm die Sache zu übergeben und die Menschen unter seinen Segen zu stellen.» In dieser Zeit entstand das Motto, das HP seitdem begleitet: Lobe Gott. Segne Menschen. «Auch wenn mir das nicht zu 100 Prozent gelungen ist, versuche ich auch heute noch, danach zu leben – es hat sich hundertfach bewährt.»

In den Anfangsjahren gab es auch Situationen, in denen man statt auf Gott mehr auf die Stimmen von Mitchristen hörte, die meinten, dies oder jenes sei so gesegnet gewesen, dass man es unbedingt wiederholen sollte. Manchmal sei sicher auch ein wenig Stolz im Spiel gewesen, wenn er zu wenig nach Gottes Willen gefragt habe, so HPs ehrliche Bilanz. Später habe man in der Missionsleitung vor wichtigen Entscheidungen immer eine Zeit des hörenden Gebets eingelegt und Gott um seine Bestätigung gebeten. «Das hat uns vor manchen Fehlern bewahrt.»

 

Vertrauensvoll demütig

Mit einem freundlichen Grinsen sagt HP dann: «Vielleicht war es mein wichtigster Beitrag bei Campus für Christus, alles zu tun, um dem Wirken des Heiligen Geistes nicht allzu sehr im Weg zu stehen», und fügt dann mit einem ernsteren Ausdruck hinzu: «Leider ist es dann doch hie und da vorgekommen, dass ich Gott nicht vertraute oder mein allzu menschlicher Verstand mir in die Quere kam.» Genau solche Momente lehrten den sonst so selbstbewussten Leiter und Macher zwei wichtige Dinge: Vertrauen und Demut. Gott habe sich nie um HPs Pläne gekümmert, sondern ihn die Spannung zwischen Abwarten und Aktivwerden auszuhalten gelehrt. So sind Ministries wie FAMILYLIFE, Crescendo oder auch die Diplomatenarbeit nicht dann entstanden, als HP es geplant hatte, sondern als Gott es für richtig erachtete.

«Campus für Christus soll ein Katalysator für das Entstehen von geistlichen Bewegungen sein», sind HP und Vreni überzeugt. Deshalb sei die Eigenschaft, Spannungen aushalten zu können, entscheidend. Den richtigen Moment und die offenen Türen abzuwarten, wann es Campus-Energie braucht, damit geistliche Ströme freigesetzt werden können, die auch über die Schweizer Landesgrenzen hinausgehen.

 

Leben für, Sehnsucht nach Christus

Während HP und Vreni in all der Zeit Campus für Christus mitgeprägt haben, wurden sie selbst durch Christus, für den sie voller Begeisterung und mit grossen Erwartungen vorangingen, verändert, herausgefordert und belebt. Und genau das wünschen die beiden Campus für Christus für die Zukunft: In aller Arbeit soll es um Christus und sein Versöhnungswerk am Kreuz gehen, das unbedingt im Zentrum bleiben muss. Dazu gehöre auch die Demut, anzuerkennen, dass Campus für Christus als Missionsbewegung nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Projektes Gottes ist. «Es geht immer um Christus, nicht um Campus.» Vreni und HP sind dankbar, dass Gott Campus für Christus unter der Leitung von Boppi mehr denn je auf wunderbare Weise braucht. Die Sehnsucht nach immer mehr von Christus ist offensichtlich, und dazu können beide nur «Amen» sagen.

Daniela, welche Eigenschaft von Christus hat deinem Leben am stärksten Richtung verliehen?

 

Es ist die Art, wie er mit seinen Mitmenschen unterwegs war. Er sagt: Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? (1. Johannes 4,20) Er selbst hat uns das wunderbar vorgemacht. Und da waren so richtig schräge Vögel um ihn herum. Menschen mit starken, teils ausgefallenen Charakteren. Aber sie waren zusammen unterwegs, haben sich aneinander geschliffen und gegenseitiges Unverständnis war kein Grund zur Trennung, sondern eine Chance für Wachstum. Sie haben das Leben geteilt – ich denke, dafür sind wir Christen und Christinnen gedacht.

 

Du bist selbst in einem offenen Haus aufgewachsen. Wie hast du «Leben teilen» gelernt?

 

In Gemeinschaft mit verschiedenen Menschen zu leben, war immer Teil meines Alltags. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Meine Grossmutter mit Alzheimer, Lernende, Menschen aus dem therapeutischen Wohnen, mit dem meine Eltern zusammenarbeiteten, Frauen mit Essstörungen, Männer aus der Drogenreha oder Jugendliche in einem Timeout gingen bei uns ein und aus. Es war immer klar, dass es verschiedene Menschen gibt und alle selbstverständlich dazugehören. Auch diejenigen am Rande der Gesellschaft, die ihr Zuhause verloren oder verspielt haben. Wir hatten immer eine offene Türe. Auch als ich heiratete und wegzog, lebten wir als Ehepaar weiter in diesem Stil. Ich habe aufgehört zu zählen, mit wie vielen Menschen ich bereits zusammengelebt habe: diverse Familien, Kinder, ein Au-pair, ein Mann mit starkem Asperger, ein mittelloser Opernsänger und seine kranke Frau im neunten Monat schwanger. Wir sind nicht alle gleich, aber wir sitzen alle im selben Boot. Aus dieser Überzeugung leiteten wir über die letzten Jahre ein gemeinschaftliches Wohnen in Winterthur.

 

Was hat dich immer wieder motiviert, dranzubleiben?

 

Ich fühle mich extrem beschenkt von Menschen, die schon mit mir zusammengewohnt und ihr Leben mit mir geteilt haben, auch wenn es nicht immer einfach war. Darin habe ich auch persönlich immer wieder Gnade erfahren. So durften wir beispielsweise viel Solidarität erleben, als mein Mann kurz nach dem Beginn des Lockdowns an den Folgen eines Herzinfarktes unerwartet gestorben war. Meine vier Kinder und ich schienen verloren und doch waren wir es nicht, denn mit den Menschen in unserer Hausgemeinschaft erlebten wir in dieser Zeit die tragende Nähe Gottes ganz besonders.

Ausgewählt, wer mit uns zusammenlebt, haben wir nie. Gott hat uns die Menschen über den Weg geschickt und wenn man sich an gewisse Regeln gehalten hat, konnte ein Zusammenleben entstehen, das für niemanden eine Überforderung war – auch wenn man noch so unterschiedlich ist.

 

Wie hältst du diese Unterschiedlichkeit aus?

 

Um miteinander zu leben, müssen wir uns durch Christus sehen. Wir dürfen zum Kreuz schauen und jeden Tag alle zwischenmenschlichen Konflikte, unsere kulturelle Prägung oder unsere theologischen Sichtweisen beim Kreuz ablegen. Durch die Vergebung von Jesus können wir uns nahe sein, auch wenn wir nicht gleich sind, denn er hebt alle Ungleichheiten auf. Das Leben ist ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe mit Christus im Zentrum. Dabei ist der gegenseitige Respekt enorm wichtig. Durch all die Jahre erlebten wir ein breites Spektrum an menschlichen, spirituellen, politischen und christlichen Couleurs. Um dem zu begegnen, ist es wichtig, dass man miteinander redet, sich mit Fragen und Antworten, Stärken, Schwächen oder Idealen auseinandersetzt und sich darauf einlässt, dass es auch anders sein kann, als ich es bis anhin glaubte oder lebte. Das ermöglicht Begegnungen auf Augenhöhe.

 

Wie hast du es geschafft, mit anderen auf Augenhöhe zu leben, zumal du die Leiterin des gemeinschaftlichen Wohnens warst, ihr Leute aufgenommen habt und du so in der Hierarchieordnung anderen übergeordnet warst?

 

Leute aufnehmen ist nicht der richtige Ausdruck: Wir haben mit Menschen zusammengelebt, und in diesem Zusammenleben trägt jeder und jede verschiedene Hüte. Jemand muss ein Ämtli koordinieren, jemand muss es machen und jemand muss es kontrollieren. Das sind verschiedene Aufgaben, die nichts mit Hierarchie zu tun haben. Natürlich muss man sich das immer wieder vor Augen führen und es war meine Aufgabe, diese Kultur in unserem Wohnen entsprechend zu prägen. Ich versuchte immer, aufzuzeigen, wie alle ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen können. Für die Frau mit einer Beeinträchtigung waren es unter anderem Finanzen vom Sozialamt, während ein Student Zeit für Gespräche mit ihr hineingab und dafür günstiger wohnen konnte. 

Vor allem zeigt sich die Augenhöhe im Teilen von Alltäglichem. So war es uns immer wichtig, dass wir transparent leben. Das Austragen der Dispute innerhalb unserer Familie bekam man mit, jedoch genauso, wie wir Vergebung suchten und diese einander zusprachen. Dieses Teilen des täglichen Lebens zeigte sich auch in ganz konkreten Dingen. So hatten wir beispielsweise Kleber an unserem Briefkasten, auf denen man lesen konnte, was wir alles gratis auszuleihen haben. Oder wenn uns eine Floristin ihre übrig gebliebenen Blumen brachte, machte ich Sträusse und verteilte sie unter den Nachbarn. Manchmal kamen die Blumenvasen mit Guetzli gefüllt zurück – durch das Teilen fängt Segen an, zu fliessen. Es sind die kleinen Handlungen der Nächstenliebe, die das Leben ausmachen. 

 

Und zum Teilen gehört es, seinen individuellen Teil zu geben. Materiell sowie in seinem Tun.

 

Genau. Und dabei kommt es nicht darauf an, was wir tun, sofern wir das tun, wozu uns Gott berufen hat. Oder wenn man das Wort Berufung nicht mag: das, wohin uns Gottes Geist zieht. Jeder und jede soll tun, was er oder sie gut kann, was ihn oder sie erfüllt und ihm oder ihr Energie gibt. Dann funktioniert es. Ich werde beispielsweise nie in der Stadtmission Orgelmusik spielen, ich habe auch keine Freunde in Südamerika, von denen ich Seidenschlafsäcke importieren kann, um sie in meinem Sportgeschäft, das ich ebenfalls nicht habe, zu einem fairen Preis zu verkaufen. Ich arbeite auch nicht in der Studierendengruppe, noch werde ich Diskussionen in intellektuell interessierten Zusammenkünften organisieren. Mein Teil ist es momentan unter anderem, im Stadtparlament zu sein, mitzudiskutieren und dabei zu bleiben, um irgendwann zu sehen, wie die Bemühungen ihre Wirkung haben. Ich sehe mich als Volksvertreterin, die ihre Ideen einbringt und sich an den Tisch setzt, um zusammen mit anderen nach Lösungen zu suchen. Es braucht uns alle, damit neue, vielleicht unkonventionelle Ideen entstehen, die uns vorwärtsbringen und Menschen, die noch keinen Platz haben, beim Integrieren helfen. Dabei müssen wir alle unsere Verantwortung wahrnehmen, auch wenn sie nur darin besteht, an die Urne zu gehen und abzustimmen. Wir sind alle kleine Rädchen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, und es braucht das Ineinandergreifen dieser Rädchen. Wir müssen nicht alle gleich werden.

 

Wenn wir nicht alle gleich werden müssen, was ist dann Gerechtigkeit?

 

Gerechtigkeit fängt dort an, wo ich aufhöre, in Schwarz und Weiss und in Richtig und Falsch zu denken, mein eigenes Herz anschaue und mir vergeben lasse. Dann muss ich mich nicht mehr rächen, sondern werde aus der Spannung, Gerechtigkeit herzustellen, erlöst – im Wissen, dass Gott alles zu seiner Zeit richten wird. Ich muss nichts mehr erreichen und kann entspannt meinen Teil dazu beitragen, dass die Ungerechtigkeit kleiner wird. Das fängt damit an, mir zu nehmen, was ich heute brauche, und nicht das, was ich glaube, morgen zu benötigen. Im Vertrauen darauf, dass Gott für mich sorgt – so wie er den Lilien ein prächtiges Gewand gegeben hat und die Vögel ernten lässt, was sie nicht gesät haben (Matthäus 6) –, brauche ich mir keine Vorräte anzuhäufen. 

 

Wie kann ich der Versuchung, Dinge anzuhäufen, entgegenwirken?

 

Das ist herausfordernd in einer Multioptionsgesellschaft. Wir haben ständig unendlich viele Optionen vor Augen, welche wir uns offenhalten möchten. Damit sie offen bleiben, arbeiten wir, investieren Geld, setzen Mittel ein, denn man weiss ja nie, was morgen sein wird. Wir häufen Ressourcen für uns an und verschwenden sie somit. Denn wenn ich mir zwei Äpfel nehme, weil ich eventuell morgen nochmals hungrig bin, hat es heute für jemanden keinen.

Wer dem entgegenwirken möchte, soll damit beginnen, sich zu entscheiden. Wenn ich mich auf etwas festlege, brauche ich die Ressourcen für all die anderen Optionen nicht mehr. Wir sollten aufhören zu warten, ob noch etwas Besseres kommt, und beginnen zu leben. Wenn etwas nicht funktioniert, können wir immer noch flexibel korrigieren. 

Und es schadet auch nicht, mal Verzicht zu üben und Suffizienz zu leben, indem ich Material und Energie spare – im Bewusstsein, dass die natürlichen Ressourcen begrenzt sind. 

 

Verzicht scheint sich schwer mit einer Gesellschaft zu verbinden, in der Wohlstand und Selbstverwirklichung ein hoher Wert sind.

 

Doch, das lässt sich vereinen. Wenn ich weiss, dass ich geliebt und okay bin, kann ich sein, wer ich bin, und geniessen, was ich habe. Aber ich muss nicht mehr ständig nach mehr streben und werde nicht von mehr Reichtum, grösserer Macht oder einem idealen «Ich» getrieben, sondern bin erfüllt von dem, was ich bin und habe. 

Die vielen Optionen, die wir haben, sind nicht schlecht. Aber wir müssen lernen, uns zu entscheiden, dankbar im Heute zu leben und zufrieden zu sein mit dem, was wir haben, ohne die Perspektive für eine bessere Zukunft zu verlieren. Nur so werden wir die gegebenen Ressourcen sinnvoll nutzen. Wie genau das funktioniert, muss jede und jeder persönlich immer wieder neu herausfinden und für sich die Fragen «Was habe ich?«, «Was brauche ich?» und «Was kann ich geben?» beantworten. So schreiben wir Geschichte, wie es auch bereits die Christinnen und Christen vor zweitausend Jahren gemacht haben. Als Jesus ihnen sagte, sie sollten allen Menschen zu essen geben, und sie ihn fragten, woher sie denn nun Brot für die ganze Menge herhaben sollten, sagte er: «Geht hin und seht nach, wie viel wir haben» (Markus 6,38). Und siehe da: Es wurden alle satt. 

 

Personenbeschreibung

Das Gespräch mit Daniela Roth-Nater hat bei dreissig Grad auf ihrem Balkon der am Tag zuvor bezogenen Wohnung zwischen Zügelkisten stattgefunden. Die gelernte Schreinerin, Betriebsökonomin FM und Religionspädagogin ist dankbar für die beiden Stühle, die ihren Balkon bereits wohnlich machen. Sie hat vier Kinder, wovon drei bereits erwachsen sind, setzt sich unter anderem für Flüchtlinge ein, unterstützt Familien, betreut Gastfamilien und wirkt im Stadtparlament Winterthur mit. Bis vor kurzem leitete sie das begleitete Wohnen «Birkengarten» in Winterthur. Sie freut sich darauf, zu sehen, wie Veränderung in der Stadt passiert, wie Menschen aufblühen und wann zu ihren Stühlen noch ein Tisch dazukommt.

Wenn ich bei meinem Navi auch nur einen einzigen Buchstaben falsch eingebe, kann ich mein Ziel um Hunderte von Kilometern verfehlen, wenn nicht Tausende. Damit wäre ich nicht der erste. So viele Menschen schiessen aus einem ähnlichen Grund mit ihrem Glauben an der ursprünglichen Idee von Gott vorbei. Mahatma Gandhi, der Kopf der indischen Unabhängigkeitsbewegung, sagte einmal:

«Ich mag euren Christus, aber ich mag eure Christen nicht. Eure Christen sind Christus gar nicht ähnlich.» Damit trifft er leider ins Schwarze, tendieren wir doch allzu oft dazu, einem einseitigen Jesus nachzufolgen. Das, was oft zu voreingenommenen und manchmal auch ungesunden Glaubensauswüchsen führt, sind Reduktionismus und Verkürzungen in unserem Gottes- respektive Jesusbild, derer wir uns nicht bewusst sind. Es ist daher entscheidend für einen gesunden Glauben, dass wir unseren «Zweidrittel-Jesus», wie ich es nenne, ganz werden lassen. Erst dann kann er seine Wirkungskraft ungehindert in diese Welt hinein entfalten.

 

Der «Zweidrittel-Jesus»

Rund um die Welt haben Menschen ein Bild von Jesus – wobei diese Bilder manchmal einen bestimmten Aspekt von ihm überbetonen und folglich seine wahre Persönlichkeit verzerren. Jesus als ein strenger, humorloser Polizist, der darauf achtet, dass unser Leben innerhalb der Anti-Spass-Markierung verläuft. Oder ein kleiner Che Guevara, der rebellisch die Mächtigen bekämpft und die Gesellschaft umstürzen will. Vielleicht auch ein Gnade-überströmender Pazifist, der überall Blümchen und Peace-Parolen an die Häuser sprayt und jeden in den Himmel liebt. Oder er ist ein süsses Christkind geblieben, das mit leuchtendem Gesicht nach wie vor in der Krippe liegt und nie erwachsen wird. Die einen machen ihn so heilig, dass er ein paar Meter über dem Boden schwebend nichts mehr mit ihrem Alltag zu tun hat – weit entfernt umkreist er ihr Leben wie ein Satellit die Erde. Andere entziehen ihm wie mit einer geistlichen Vakuumpumpe den letzten Hauch Göttlichkeit und haben dann einfach noch den philosophierenden, historisch flachgestrichenen Jesus – wie bei einer ausgedrückten Zahnpasta-Tube. Beides macht ihn für unser persönliches Leben gleichermassen unbedeutend. 

Unsere Jesus-Variationen mögen auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch sein. Man hat einfach Vorlieben für bestimmte Eigenschaften von ihm. Es kann sein, dass wir uns in die Zweidrittel von Jesus verliebt haben, die uns von unserer Persönlichkeit und Geschichte her gerade am nächsten liegen. Aber ich bin überzeugt: Man kann den gerechtigkeitsliebenden, konsequenten «Ich peitsch alle aus dem Tempel raus, die diesen entweihen»-Jesus nur verstehen, wenn man den ganzen Jesus sieht. Denjenigen, der in vollendeter Hingabe selbst für die Menschen am Kreuz gestorben ist, die ihn ans Holz genagelt haben. Umgekehrt gilt das natürlich ebenso. Es lohnt sich daher, sich auf die Suche nach dem ganzen Jesus zu machen und sich nicht vorschnell mit dem Zweidrittel-Lieblings-Jesus zu begnügen.

 

Die «Sanftverdrehung»

Es gehört zum Urproblem der Menschheit, dass wir uns falsche Bilder über Gott basteln, um so «besser» zu leben. Schon die Psalmisten in der Bibel scheinen diese Tendenz zu haben. Wenn einer seiner Sehnsucht Ausdruck verleiht und hoffnungsgequält einen Feinde-zerstörenden Gott besingt, dann geht das wohl mehr in die Kategorie «eigenes Gottesbild» und «Wunschdenken der Seele», als dass es Gott abbildet, wie er sich später in Christus gezeigt hat. Oder spulen wir noch weiter zurück. Bereits bei Adam und Eva kommt die Schlange mit der Frage: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? (1. Moses 3,1). Eine listige und verführerische «Sanftverdrehung» der Wahrheit. So ganz knapp am Ziel vorbei von dem, was Gott tatsächlich gesagt hat. Es klingt nach einem spassverderbenden, limitierenden, zurückstutzenden Gott, wenn man der Aussage der Schlange Glauben schenkt. Und nicht nach dem eigentlichen Gott, der uns mit abertausenden von Bäumen ein Leben im Überfluss zur Verfügung gestellt hat – während er mit nur einem Baum die Möglichkeit marginal klein hält, dass wir uns gegen ihn auflehnen. Das ist ein komplett anderes Narrativ. 

Immer wieder schleichen sich in unsere religiösen Systeme und unser eigenes Denken leichte Wahrheitsverschiebungen ein, die zwar ziemlich fromm klingen, am Ende aber das Wesen von Gott bis zur Unkenntlichkeit verzerren und zu falschen Rückschlüssen führen, wie etwa: «In der Welt gibt es Böses, also muss Gott, wenn er existiert, böse sein.» Gott wird dadurch fälschlicherweise immer wieder zur Projektionsfläche. Doch nicht nur er. Die Geschichte zeigt, dass wir solchen Scheinkausalitäten regelmässig auf den Leim kriechen, so geschehen bei der Tomate: Im 16. Jahrhundert wurde das Nachtschattengewächs als «Giftapfel» beschimpft. Entdecker hatten sie aus Mexiko nach Europa gebracht, woraufhin etliche reiche Menschen durch den Verzehr krank wurden oder gar starben. Doch Schuld war nicht die arme Tomate, die dafür hinhalten musste, sondern, wie sich herausstellte, waren es die Zinnteller der adligen Aristokraten. Die Säure der Tomate löste das Blei auf, das zu einem hohen Anteil in den Tellern enthalten war und führte zur Vergiftung – während die Tomate vom Pöbel mit den Holztellern problemlos konsumiert werden konnte. 

Genauso wie der Ruf der Tomate aufgrund des bleihaltigen Zinntellers gelitten hat, führen «giftige» Verhaltensmuster und Behauptungen von Christinnen und Christen immer wieder zu Fehlschlüssen auf Gottes Wesen. Deshalb ist Jesus so zentral für unseren Glauben.

 

Durch Christus blicken

Warum denn überhaupt dieser Fokus auf Christus sein muss, mag man sich berechtigterweise fragen. Die Begründung ist ähnlich kurz wie die Frage selbst: Weil Gott sich in Christus gezeigt hat! Wer mich sieht, sieht den Vater (Johannes 14,9). Gott ist nicht anders als das, was wir in und durch Christus sehen – denn er hat sich entschieden, in seiner ganzen Fülle in Christus zu wohnen (vgl. Kolosser 1,19). So drückt Gottes Wesen und Charakter durch jede Pore des Lebens, des Redens und des Handelns, des Sterbens und des Auferstehens von Jesus durch. Durch Christus, den Lebenden, den Gekreuzigten und den Auferstandenen sehen wir Gott.

Dieses «Gott durch Christus»-Anschauen kann unser Gottesbild heilsam erschüttern, zurechtrücken und zurechtschleifen. Passend dazu die Worte des grossen Schriftstellers und Apologeten C. S. Lewis: «Ich glaube an das Christentum, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist – nicht nur weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.» Ich würde diese Aussage adaptieren auf Christus als Licht der Welt, der die Dinge erhellt, damit ich sie überhaupt erst sehen kann. Und was ich dabei durchs Kreuz geschaut erblicke, ist eine überzeugend verzahnte Grosserzählung der Weltgeschichte, die mich glauben lässt. Das Bild von einem sehnsüchtig liebenden Gott und einer erlösungsbedürftigen Schöpfung. 

Ein anderer grosser Apologet, G. K. Chesterton, bemisst den Wert einer Theorie zur Erklärung der Welt an dem Ausmass an Erhellung, die sie mit sich bringt: «Wir setzen uns eine Theorie auf wie einen Zauberhut und die Geschichte wird durchsichtig wie ein Glashaus.» Das Kreuz und Christus als Zauberhut aufgesetzt malt ein Weltbild, in dem ich das existentiell Böse, das menschlich Böse, die Fähigkeit des Menschen Gutes zu tun sowie das universelle Versöhnungswirken Gottes – all diese widersprüchlichen Dinge – zusammen einbetten kann. Es erklärt mir stimmig, was der Zustand der Welt und derjenige von uns Menschen ist. Es erklärt mir mich selbst. Lässt die Wände der «Sinn des Lebens»-Kiste durchsichtig werden. Lässt diese Kiste überhaupt erst existieren. Und malt mir einen Gott vor Augen, den ich nicht vollends durchschaue, aber der in den Bereichen, in denen ich ihn sehe, so wunderbar schön, so überfliessend liebend ist, dass es mir genügt, um mich ihm hinzugeben und seine Königsherrschaft mit Freude zu bestätigen.

Er ist genug

Und dieser Christus ist tatsächlich genug, das ist keine fromme Floskel. Die Geschichte von Bartimäus malt es deutlich vor Augen. Kurz vor seinem Tod war Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in Jericho. Als sie die Stadt verlassen wollten, hörte der blinde Bartimäus, wie Jesus in der Nähe vorbeiging. Zweifelsohne hatte er schon viele Geschichten über diesen Jesus gehört, dass er revolutionäre Dinge predigte und Wunder tat. Als er laut nach Jesus schrie, wurde Bartimäus von den Umstehenden harsch zurechtgewiesen, was ihn jedoch nur dazu veranlasste, noch lauter zu werden. Jesus hörte Bartimäus Gebrüll, liess ihn zu sich bringen und fragte ihn, was er wolle. «Rabbuni, dass ich sehend werde», war seine Antwort (Markus 10,51). Und Jesus heilte ihn aufgrund seines Glaubens, woraufhin Bartimäus begann, ihm sogleich nachzufolgen.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie überwältigend die Eindrücke für Bartimäus gewesen sein müssen – all die Farben, die Menschen, die Welt. Und dann diesen Jesus vor Augen, von dem er so viel schon gehört hat, so viele unglaubliche Wundertaten. Und nun kann er endlich selbst sehen, kann es selbst erleben, ist aus nächster Nähe mit dabei und muss sich nicht nur alles immer erzählen lassen. Nur, was er nicht weiss: Sein neuer Meister ist bereits am Ende seiner Wirkungszeit angekommen und auf seine letzten Tage vor der Kreuzigung eingebogen. Euphorisiert ist Bartimäus sehr wohl dabei, als sein Meister kurz nach diesem Wunder wie ein König gefeiert und mit Palmblättern bewedelt auf dem Esel in Jerusalem einzieht. Aber das war’s dann auch schon. Bartimäus erlebt keine Speisung von Tausenden, kein «Auf dem Wasser»-Gehen und kein «Wasser in Wein»-Verwandeln. Das Maximum ist gerade noch ein verfluchter Feigenbaum, der keine Früchte mehr trägt. Wohl eher eine mittelmässig ermutigende Einladung zur Nachfolge. 

Bartimäus wird sehend und alles, was er sieht, nachdem er wohl ein paar Tage benötigt hat, um überhaupt mit der Flut an neuen Sinneseindrücken klarzukommen, ist Christus am Kreuz. Aber: Genau das reicht. Würde es nicht reichen, hätte Jesus die Augen von Bartimäus schon viel eher heilen müssen. Aber dieser Christus der Gekreuzigte ist genug. Er ist es, auf den wir immer wieder unseren Blick richten dürfen – wir dürfen lernen, durch ihn und das Kreuz alles zu sehen. 

Ich fühle mich sehr mit Bartimäus verbunden, denn oft blicke ich nicht durch, bin ich der Blinde, der Nicht-Sehende. Und genau wie Bartimäus bin ich manchmal überfordert von all dem Geschrei, das wir veranstalten, verwirrt von irgendwelchen Palmwedeln, und habe das Gefühl, nur «Esel» vor mir zu sehen. Doch da ist auch er, Christus der Gekreuzigte. Und ihn zu blicken reicht. Denn was Gott in ihm getan hat, hat mich zum Leben befreit. Seine Erlösungskraft durchdringt jede Pore meines Seins, verändert mich von innen heraus. Versöhnt mich. Vergibt mir. Befreit mich. Entschämt mich. Lässt mich atmen. Deshalb bleibe ich unterwegs, dem ganzen Christus hinterher.

Entscheidung und Verantwortung sind Zwillinge. Fast täglich fragen mich Menschen, wie sie sich entscheiden sollen. Meist geht es dabei um schwerwiegende Lebensentscheidungen, die man nicht einfach leichten Herzens fällt. In einer solchen Lebenssituation sind Menschen verletzlich und beeinflussbar. Die besten Ratgebenden sind diejenigen, welche gute Fragen stellen können, anhand derer man seine eigenen Gedanken und Gefühle reflektieren und ordnen kann. Im Laufe meines Lebens habe ich bemerkt, dass viele Menschen lieber Antworten geben als Fragen stellen. Dass Menschen nicht nur gut darin sind, Entscheidungen an andere (eine höhere Instanz) abzuschieben, sondern auch sehr gut darin, Entscheidungen abzunehmen (und sich somit zur höheren Instanz zu erkoren): «Mach es so, dann kommt es gut.» «Mach es auf keinen Fall so, das kommt gar nicht gut!»

 

«Soll ich mich trennen, soll ich mich scheiden lassen?» Eine Frage, deren Antworten ich als Therapeutin inzwischen zur Genüge kenne: «Du musst zurück. Das ist falsch!» Eine Antwort nach Regeln. Eine Antwort, die vor allem das Unbehagen der Umgebung widerspiegelt, mit so einer Situation überhaupt klarzukommen. Eine Antwort für die «Umgebung». Schnell zu einer Entscheidung gedrängt, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehrt in den «Aufruhr». Eine wenig hilfreiche Einmischung in das Leben Betroffener, die mit sich selbst und der Situation ringen. Diese bräuchten ein Gegenüber, das Antworten offenlassen kann. Erst dann können Entscheidungen sinnvoll getroffen werden.

 

Entscheiden ist ein bewusstes Verhalten, das gelernt werden muss

Wo lernt Mensch Entscheiden und Verantwortung? In der Familie. Familie ist eine Werkstatt für Persönlichkeit. Von Geburt an, Tag für Tag, Jahr um Jahr findet dieses Lernen statt. Wichtige Grundsätze für Eltern, aber genauso auch für Erwachsene, im Umgang mit anderen sind: 

Die Voraussetzung für Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit ist Freiheit. Doch in «Freiheit» sind Christen oft nicht gut. Weshalb? Der Psychologe Erich Fromm und der Philosoph und Politikwissenschaftler Karl Popper haben darüber gesprochen, dass es verborgen unter den verschiedenen Ängsten so etwas wie eine Grundangst gibt, die die Menschen gar nicht so genau definieren können. Ein diffuses, verunsicherndes Grundgefühl: die Furcht vor der Freiheit.

Joachim Gauck, ehemaliger Bundespräsident Deutschlands, sagte in seiner Rede «Freiheit und Verantwortung – Herausforderungen in einer unsicheren Welt»: «Gott schuf den Menschen mit einer geheimnisvollen Gabe, die kein anderes Geschöpf hat, sondern nur er. Der Mensch kann sich selber erkennen und für sich selber und für andere Verantwortung übernehmen. Er kann das in Liebe tun, er kann es mit Mut tun, mit Ängstlichkeit – aber er ist immer gemeint als der, der diese besondere Fähigkeit besitzt, über die niemand anderes sonst auf der ganzen weiten Welt verfügt: Er kann Verantwortung übernehmen.»

Verantwortung ist ein mächtiges Wort, das erdrücken kann, vor allem, wenn es mit hohen Erwartungen (eigenen und äusseren) verknüpft ist. Doch so eine Erwartungsverantwortung ist nicht gemeint. Gemeint ist Reaktionsverantwortung – die Fähigkeit, verantwortlich auf etwas zu reagieren, das sich einem (positiv oder negativ) in den Lebensweg stellt. Deshalb sollten wir erwachsenen Menschen, aber genauso Kindern und Jugendlichen, diese Verantwortungsübernahme zutrauen.

Das Zuhause als sicherer Ort

Der «Sichere Ort» ist ein stehender Begriff in der Sozialpädagogik. Er umschreibt die Voraussetzung dafür, dass Kinder zu selbstbestimmten, toleranten und kompetenten Erwachsenen heranreifen, die über ein stabiles, ausgewogenes Selbstgefühl verfügen und einen hohen Grad an Selbstwirksamkeit besitzen. Wie können wir das erreichen? Indem wir vor allem einen Ort schaffen, an dem sich Kinder und Jugendliche vorbehaltlos aufgehoben und geborgen fühlen – eben einen sicheren Ort. Entscheidend dafür ist, was Kinder im Alltag erleben. Sicher fühlen sie sich dann, wenn das, was passiert, für sie vorherseh- und vorhersagbar ist. Deshalb sind auch transparente Abläufe, feste Rituale und eine geordnete Umgebung wichtig. Erleben Kinder täglich einen sicheren äusseren Ort, sind sie in der Lage, auch in sich selbst einen sicheren Ort aufzubauen.

Kinder und Jugendliche brauchen aber nicht nur verlässliche Zuwendung. Sie müssen die Abhängigkeit von ihren Eltern und Vertrauenspersonen immer wieder infrage stellen und sich ein Stück weit aus ihr herauslösen dürfen, sodass Raum für persönliches Wachstum und Entwicklung entsteht. Es ist wichtig, dass Kinder solide und verlässliche Bezugspersonen erleben, die auch dann zugewandt bleiben, wenn Kinder Grenzen austesten und provozieren. Sie brauchen diese Form von pädagogischem Widerstand, der sie zwingt, sich mit ihren Impulsen auseinanderzusetzen. Die Kunst als Eltern besteht darin, diese sich wiederholenden notwendigen Ablösungsprozesse zuzulassen und zu ertragen. Der «Trick» ist, diese Auseinandersetzungen und Reibereien nicht persönlich zu nehmen.

Kinder brauchen unbedingt das Gefühl von Autonomie und Selbstwirksamkeit, aber gleichzeitig auch Zugehörigkeit. Sie wollen erleben, dass es uns interessiert, wie es ihnen geht, was sie beschäftigt, was sie sich wünschen, worüber sie sich ärgern. Kinder und Jugendliche sollen davon ausgehen können, dass Lösungen für die alltäglichen Bedürfnisse und Nöte zusammen gesucht werden, sie bestärkt werden: «Du kannst etwas entscheiden, du kannst etwas bewirken, du gehörst dazu, du wirst wertgeschätzt.» Deshalb, und obwohl wir immer wieder versucht sind, sollten wir uns nicht dazu verleiten lassen, Dinge über den Kopf heranwachsender Kinder hinweg zu entscheiden. Gerade der freie Wille ist ein von Anfang an gegebenes Schöpfungsmerkmal des Menschen. Auf dieser Grundlage einer konstanten, berechenbaren Umgebung wird es für Heranwachsende erst möglich, sich weiterzuentwickeln und in der Folge mit Emotionen und Entscheidungen umgehen zu lernen.

Je mehr sich Heranwachsende ernst genommen fühlen und selbstwirksam erleben, desto sicherer fühlen sie sich und umso besser können sie ihre Emotionen verstehen und angemessen mit ihnen umgehen. Deshalb sollten Eltern zugewandt bleiben und gleichzeitig machen lassen; Vorbild sein und gleichzeitig Mitbestimmung ermöglichen; offene Ohren und Arme anbieten und gleichzeitig die Ablösung aushalten. Das befähigt zum Leben. Das gelingt nur in einer Vertrauensbeziehung. Gute Beziehungserfahrungen sind eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung hin zu einem gesunden erwachsenen Menschen, der in aller Freiheit und in Verantwortung für sich gute Entscheidungen treffen kann.

Man bringt den 28-Jährigen mit Blaulicht ins Spital nach Bülach. 18 Frakturen allein im Gesicht. Drei Ärzteteams operieren über 15 Stunden. Man klappt ihm das ganze Gesicht weg, um die Knochen besser zusammenflicken zu können. Dann wird das Gesicht wieder drübergelegt und alles zurechtgerückt. «Darum habe ich heute noch keinerlei Falten», sagt der 63-Jährige schmunzelnd, als er mir in seiner Werkstatt in Neerach seine dramatische Lebensgeschichte erzählt.

 

Der Dorfschreck von Rafz

«Ich hatte seit der Oberstufe ein Problem mit Trinken, war in Gruppierungen geraten, die brutal mit Trinken und Kiffen unterwegs waren, wollte selbst ein Powertyp sein und Macht ausüben. Ich war grossgewachsen, und in Rafz, wo ich wohnte, als Dorfschreck berüchtigt. Wer anderer Meinung war, bekam meine Fäuste zu spüren. Selbst Kollegen habe ich zusammengeschlagen. Es gefiel mir auf seltsame Weise, anderen Schaden zuzufügen, und ich genoss das Gefühl, wenn die Leute Angst vor mir hatten. Auch mein Vater – er arbeitete als Abteilungsleiter bei Bührle – war schwer alkoholabhängig. Manchmal musste ich sogar ihn zusammenschlagen, wenn er gegen unsere Mutter gewalttätig wurde. Er starb, als ich 20 war.

Die Mutter war eine gute Seele, vielleicht war sie fast zu barmherzig. Sie hatte einen Job in der Holzverarbeitungsindustrie in Rafz, arbeitete hart, um unser vom Alkoholkonsum knappes Familienbudget aufzubessern, und räumte jeweils nach unseren wüsten Partys zu Hause alles ohne Klage auf.

Nach der Schule machte ich eine Lehre als Küfer und arbeitete dann in der VOLG-Kellerei. Mit dem Trinken wurde es nicht besser, im Gegenteil. Da ich keinen Chef hatte, konnte ich mich an den Weinfässern problemlos selbst bedienen. Bis 1 Liter pro Tag. Der Alkohol half mir, meine sozialen Hemmungen abzubauen und überhaupt unter die Leute zu gehen. Doch die Sucht spitzte sich immer mehr zu – bis zu jenem Unfall im Dezember 1988. Ich hatte schon eine Flasche Cognac intus, als ich von der Brauerei in Stadel losfuhr; ich wollte noch im Bären Fisibach vorbeischauen. Doch dann, in der Kurve ausgangs Weiach, donnerte ich mit 130 Sachen in jene Birke und landete im Spital. Ein Wunder, dass ich überlebte, ja, schon nach einem Monat wieder nach Hause konnte. Auch das rechte Auge, das praktisch blind gewesen war, öffnete sich nach drei Wochen wundersam wie ein Rollladen, selbst die Hornhautverkrümmung war weg.

 

Kommen Sie mir nicht damit!

Ich selbst jedoch war der Alte geblieben, ging wieder in den Ausgang, rauchte, trank – und war depressiv. Drei Monate später, in der Nachbehandlung beim Hausarzt – ich wohnte inzwischen in Neerach – redete mir Dr. S. nach der offiziellen Behandlung ins Gewissen: ‹Herr Schmidli, wenn sie so weiterfahren, werden sie’s nicht mehr lange machen.› Dann nahm er eine Gideon-Bibel hervor, legte sie mir auf den Tisch und sagte: ‹Aber das hier hat schon manchem geholfen!› Ich habe abgewehrt und ausgerufen, er solle mir nicht damit kommen. Aber er meinte nur ganz freundlich: ‹Nehmen sie es einfach mal mit!› Ich nahm die Bibel und ging.

Wieder zwei Monate später, es war der 20. Mai 1989, wollte ich wie gewohnt in den Keller runter und Wein holen. Doch da war ein innerer Impuls, der mich zurückhielt. Stattdessen schlug ich die Bibel auf und stiess auf die Stelle in Johannes 1,4: In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Da kam es ganz seltsam über mich – wie wenn du aus dem Nebel in die Sonne auftauchst. Auf einmal wusste ich: Jetzt geschieht irgendetwas Gewaltiges mit mir. Es gibt Gott, er ist zu mir gekommen. Drei Tage später ging ich wieder zum Arzt und sagte: ‹Ich habe keinen Alk angerührt und nicht geraucht, die Depression ist weg.› Dr. S. freute sich und meinte: ‹Sie sind frei, das ist Gott!›

 

Ein heiliger Ort

Dabei hatte ich nicht mal gebetet. Es ist einfach an mir geschehen. Es hat mir gedämmert. Plötzlich machte das Leben Sinn. Das Einzige ist, dass ich dem Impuls gefolgt und nicht in den Keller gegangen war. Wenn man leer ist – und die Leere aushält und zulässt –, kann Gott wirken. Das habe ich auch später immer neu erlebt.

In den folgenden vier Monaten, ich war noch in der Rehaphase, ging ich dreimal die Woche auf die Rigi und suchte Gottes Nähe. Auf dem Dossen setzte ich mich jeweils unters Gipfelkreuz auf die Bank und las die Evangelien, die Briefe, die Psalmen und Sprüche. Es war wie ein heiliger Ort, den Gott mir zeigte. Es war eine unglaubliche Zeit. Wie oft habe ich geweint vor Freude, die Liebe Gottes aufgesogen und immer mehr erkannt, was Jesus für mich getan hat. Es waren wie Flitterwochen mit dem Herrn. In diesen Wochen der Alleinzeiten mit dem Zimmermann von Nazareth wurde mir seine Gnade unendlich gross. Viel gebetet habe ich nicht, mehr gedankt und in Ehrfurcht Gottes Grösse bestaunt. Hier ist mir auch Sprüche 1,7 sehr kostbar geworden: Der Anfang der Weisheit ist die Ehrfurcht vor Gott. Auch später suchte ich diesen kostbaren Ort auf der Rigi immer wieder mal auf.

Nach der Rehazeit ging ich für kurze Zeit zurück in die VOLG-Kellerei, bekam aber bald den Eindruck, ich solle mich als Holzküfer selbständig machen. Eine unerwartete Erbschaft verschaffte mir das nötige Startkapital. Weil ich als Küfer arbeitete, hatten verschiedene Leute Angst, ich könnte in Sachen Trinken rückfällig werden. Aber ich habe nie mehr einen Zug zum Alkohol verspürt. Ich kann gar nicht mehr. Irgendwie erfüllt mich der Geist Gottes genug.

 

Grünes Licht

1993 lernte ich in der New-Life-Teestube Bülach, wo ich jeden Freitag mitmachte, die Frau meines Lebens kennen. Es ist Anna-Maria aus Peru, die in der Schweizerischen Indianermission SIM arbeitete und damals für ein paar Wochen in der Schweiz auf Urlaub war. Wir sind uns nähergekommen, haben zusammen die Bibel gelesen und uns verliebt. Eigentlich hatte ich Angst, dass mir die Liebe zu Gott durch einen Menschen geraubt werden könnte, aber ich bekam grünes Licht. Wir heirateten Ende 1993 und haben 1998 einen Sohn bekommen.

Beruflich wurde es 1995 mit der Selbständigkeit finanziell knapp. Darum bewarb ich mich als Lagerist beim Werkzeugunternehmen Oeschger in Kloten. Schon nach zwei Wochen konnte ich dort eine freigewordene Stelle als Revisor für die Schulwerkstätten der Schweiz übernehmen. Über 28 Jahre mache ich nun diese Arbeit, die mich total erfüllt, kontrolliere die Holzwerkstätten der Schulen von Sta. Maria bis Lausanne, mache Weiterbildungskurse für Lehrpersonen in Holzbearbeitung und komme mit vielen Menschen ins Gespräch – auch über den Glauben. Ich hätte mir keinen besseren Job wünschen oder aussuchen können. Da hatte ganz klar Gott seine Hand im Spiel.

 

Raum schaffen für Gottes Gnade

Überhaupt staune ich, was Gott alles geschenkt hat, wenn ich auf mein Leben zurückschaue. Es ist wirklich alles Gnade. Es kommt nur darauf an, dass ich diese Gnade zulasse, sie sozusagen erlaube. Früher war ich selber aktiv, heute schaue ich mehr darauf, dass ich Gott nicht mit eigenen Vorstellungen im Weg stehe, was er hier tun müsste, sondern ihm Raum schaffe, das zu tun, was das Beste ist. Vor Jahren gab es einen Streit in der Firma wegen der Raumzuteilung. Ich betete im Keller, dass einfach das geschehen möge, was Gott im Sinn hat. Das Resultat war, dass ich vom Untergeschoss ins 3. OG in einen helleren und grösseren Raum umziehen konnte. Am Morgen begleitet mich oft die Liedzeile ‹Vor mir lit offnigs Land, und Du begleitisch mich. Dini Gnad, die wohnt a jedem Ort.› Ich glaube und vertraue, dass Gott für mich und für jeden von uns offenes Land hat, wo seine Gnade wohnt, und wir voll Vertrauen in das hineinschreiten dürfen, was er für uns jeden Tag vorbereitet hat.

Vor zwei Jahren ist meine Mutter gestorben. Sie hat das Puppenmuseum in Buchberg SH aufgebaut. Ich betete, dass ich am Sterbebett noch einen Moment mit ihr allein sein kann, und das hat sich dann wunderbar ergeben. Ich konnte ihr Psalm 108 vorlesen – Deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen – und die Lasten ihres Lebens Jesus abgeben. Sie hat meine Hand gedrückt und durfte im Frieden mit Gott einschlafen.

Manchmal begegne ich noch alten Kollegen und Kolleginnen aus der Schulzeit. Die einen wundern sich über den ‹Stündeler›. Andere, die ich früher als Christen drangsaliert habe, freuen sich. Wieder andere können es fast nicht glauben, dass der Unhold von damals so sanftmütig geworden ist. Erwähnen möchte ich noch, dass da meine betende Grossmutter war. Sie hat im Hintergrund wohl ganz entscheidend dazu beigetragen, dass sich mein Lebensweg zum Guten gewendet hat.»

 

Roland Schmidli erzählt seine Geschichte unaufgeregt und gradlinig, ohne grosse Worte. Man spürt ihm an, er lebt aufgehoben in Gott. Natürlich macht er sich seine Gedanken, wie es in zwei Jahren nach seiner Pensionierung weitergeht, aber er weiss: Gottes Gnade wird ihn auch dann begleiten. «Dank ihr wird es nie langweilig!»

Wir treffen täglich abertausende Entscheidungen, von denen sich die meisten unserem Bewusstsein entziehen: Atmen, kauen, schlucken, einen Fuss vor den anderen setzen – alles Tätigkeiten, die unser Körper intuitiv ausübt, die unseren Biorhythmus aber bereits ordentlich auf Trab halten. Alles, was obendrauf bewusst entschieden werden muss, bedeutet für unseren Organismus und das vegetative Nervensystem zusätzlichen Aufwand. Nehmen wir an, dass die Qual der Wahl noch nie grösser war als in der heutigen Zeit des digitalen Konsums, ist es wenig verwunderlich, dass laut aktuellen Studien mittlerweile neun von zehn Menschen nicht nur im Berufsalltag, sondern auch im Privatleben öfter Entscheidungen aussitzen. Das sind ganz schön viele. Doch die gute Nachricht ist, dass wir der Prokrastination nicht hilflos ausgeliefert sind. Wer die Faktoren und Einflüsse kennt, die einen am fröhlichen Entscheiden hindern, kann aktiv gegen dieses lähmende Gefühl vorgehen und wieder handlungsfähig werden. Was also kann einer guten Entscheidung alles in die Quere kommen? Und welche Methoden und Prinzipien können helfen, uns wieder auf Kurs zu bringen? 

Eine psychosoziale Auslegeordnung mit ergänzenden Lifehacks.

 

Die Kunst des Scheiterns einüben

Stress, Angst und Druck sind die am häufigsten erwähnten Faktoren, wenn es um Unentschlossenheit geht. Wohl deshalb, weil Entscheidungen immer auch mit der Möglichkeit verbunden sind, zu scheitern. Scheitern fühlt sich unangenehm an und wird von unserer erfolgsorientierten Gesellschaft oft nicht gern in die Rechnung mit einbezogen. Mit der Konsequenz, dass manchmal folgenreiche Entscheidungen länger als nötig vor sich hergeschoben oder verdrängt werden, nur um ja keinen Fehltritt zu begehen. Was dagegen helfen kann? Sich einzugestehen, dass ein Leben ohne Misstritte schlicht utopisch ist. Fehler gehören zum Leben dazu. Wer sich mit dieser Tatsache versöhnt, kann lockerer mit den eigenen umgehen und ist gleichzeitig gnädiger mit anderen, wenn ihnen mal ein Patzer unterläuft. Stehen wir ein für eine positive Fehlerkultur, die Momente des Scheiterns nicht als Rückschlag, sondern als wichtiger Teil des eigenen Lernwegs begreift. Üben wir uns in der Kunst des Scheiterns. Z. B. indem wir uns einen Plan B zulegen.

«Plan B»

Das Prinzip des Plan B hilft, mit der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns besser umzugehen. Es bedeutet nichts weniger als proaktives Handeln; einen oder auch mehrere Alternativpläne als Trumpf im Ärmel bereit zu haben. Insbesondere bei richtungsweisenden Lebensentscheidungen (z. B. einem Jobwechsel oder Hauskauf) lohnt sich ein Plan B, da wir schlicht nicht alle Faktoren im Vorfeld überschauen, sich die Rahmenbedingungen ändern können oder sich Plan A ganz grundsätzlich als Fehlentscheid entpuppt. Ein Plan B entschärft nicht nur schon im Vorfeld, er federt im Moment des Scheiterns auch besser ab.

 

Dem Overthinking aktiv entgegenwirken

Nebst der Verdrängung möglicher Fehler gibt es das gegenteilige Phänomen, das aber ebenso lähmend wirkt und uns vom Entscheiden abhält: das «Overthinking». Es beschreibt das überdurchschnittliche und zu lange Nachdenken über Ängste oder Sorgen, das weit über das normale Sich-Gedanken-über-eine-Sache-machen hinausgeht. Fachpersonen beobachten, wie sich das Overthinking, das früher nur partiell bei depressiven Episoden oder Angststörungen vorkam, zu einem flächendeckenden Phänomen entwickelt. Heisst: Wir grübeln zu viel nach. Das macht uns müde, langsam und letzten Endes unproduktiv. Dostojewski hat das schon vor 200 Jahren erkannt: «To think too much is a disease!» – «Zu intensives Nachdenken macht uns krank.» Wer diese Blockiertheit von sich kennt, dem kann der Austausch mit einer Vertrauensperson helfen, seine Sorgen und Ängste wieder in Relation und somit Ordnung in seinen Kopf zu kriegen. Oder aber, er oder sie fängt ganz praktisch mit einem Gedanken-Tagebuch an.

«Gedanken-Tagebuch»

Indem wir die unangenehmen Gedanken, die tagein tagaus durch unseren Kopf schwirren, schriftlich festhalten, können wir die Hemmer respektive Treiber, die uns im freien Entscheiden behindern, besser erkennen. Solche können sein: Perfektionismus, Angst vor persönlicher Verletzung, Versagensangst, Menschenfurcht etc. Sind diese als solche identifiziert, halten wir ihnen ebenfalls schriftlich eine positive, stärkende Gegenstimme entgegen, z. B..: «Mutig sage ich der Menschenfurcht: Das Urteil anderer hat nicht mehr die Kraft, mich zu lähmen, denn ___________________________.»

 

Ein Ja bedeutet tausendfache Neins 

Sich für etwas zu entscheiden, heisst gleichzeitig immer auch, Nein zu einer Vielzahl an möglichen Alternativen zu sagen und somit eine Grenze zu ziehen. Doch diese Grenzziehung fällt oft alles andere als leicht, denn sie bedeutet, all das zu opfern, wofür man sich auch noch hätte begeistern und somit entscheiden können. Bestseller-Autor Oliver Burkeman sagt in seinem Anti-Zeitmanagement-Buch «4000 Wochen»: «Die Bequemlichkeitskultur gaukelt uns vor, dass wir Platz für alles Wichtige finden können, wenn wir nur die lästigen Aufgaben des Lebens eliminieren. Doch das ist eine Lüge. Man muss sich für einige wenige Dinge entscheiden, alles andere opfern und mit dem unvermeidlichen Gefühl des Verlustes umgehen, das damit einhergeht.» In anderen Worten: Entscheiden heisst auch trauern – und das kann unter Umständen ganz schön an die Substanz gehen. Nichts desto trotz bleibt uns nichts anderes übrig, als den Stich im Herzen aushalten zu lernen, den eine Entscheidung in Folge ihrer vielen Anti-Entscheidungen mit sich bringt. Das Ziel wäre es, fröhlich Ja zu Wenig zu sagen und noch überzeugter Nein zu allem anderen, damit wir das, wofür wir uns entscheiden, auch wirklich bewusst auskosten können. Dazu eine Imaginationsübung. 

«Mein 70. Geburtstag»

Burkemans «4000 Wochen» entsprechen einem 77 Jahre dauernden Leben. Gehen wir von diesem Durchschnittsalter aus (es liegt zwar bereits etwas höher, wir Frauen liegen beim 83. Altersjahr), wird der letzte runde Geburtstag von den meisten von uns wohl der siebzigste sein. Schön, wer so alt werden darf. Noch schöner, wer zu diesem Zeitpunkt nichts zu bereuen hat und von sich behaupten kann, seine Ziele und Werte mit den besten Absichten verfolgt zu haben. Auf was für ein Leben also wollen wir an unserem 70. Geburtstag zurückschauen? Was möchten wir in einer Ansprache über uns und unser Leben hören? Es könnte sein, dass der retrospektive Blick aus der Zukunft uns massgeblich dabei helfen kann, die wenigen wichtigen Ja’s, die für unser Leben wirklich relevant sind, in der Gegenwart herauszuspüren.

 

Den Drang zur Selbstverbesserung überwinden

Wir sind Kinder unserer Zeit. Soll heissen, die Zeit, in der wir leben, bestimmt mit ihren spezifischen Dynamiken, Themen und Herausforderungen unser (Entscheidungs-)Verhalten mit. Es lohnt sich daher, ab und zu kritisch hinzuschauen und sich zu fragen, was denn heute als erstrebenswert gilt, und sich in der Folge damit auseinanderzusetzen, in welchen Bereichen wir uns eventuell zu sehr vom «Aussen» – von Meinungen anderer, dem Mainstream etc. – beeinflussen lassen. Die Philosophin Isolde Charim spricht vom «Selbst-zentrierten Narzissmus» als heutigen gesellschaftlichen Treiber und meint damit etwas vereinfacht ausgedrückt das Streben nach der optimierten Version unserer selbst, dem so genannten Ich-Ideal. Das permanente gegenseitige Beobachten und Bewerten anhand von Likes und Rankings konfrontiert uns mit all unseren scheinbar unvollkommenen Bereichen (Aussehen, Fitness, Ernährung etc.), die zu verbessern wir nonstop angehalten werden. Wer auf dieser Basis Entscheidungen trifft, wird wohl nicht so rasch zur Ruhe kommen, denn die Krux ist: Wir werden immer etwas an uns finden, das wir optimieren können. Also, besser noch heute aus der Tretmühle der Selbstverbesserung aussteigen und sich auf Wichtigeres im Leben konzentrieren. Helfen dabei kann die Methode des bewussten Pausierens.

«Entscheidungspausen»

Nachhaltig und im eigenen Interesse zu entscheiden und bewusst Nein zu sagen, fällt nicht immer leicht. Wie also unsere Willenskraft stärken? Indem wir uns bewusst Pausen gönnen, indem wir a) uns vornehmen, nur ausgeschlafen wichtige Entscheidungen zu fällen – unser Hirn funktioniert dann am effizientesten –, b) uns Gewohnheiten aneignen, um so ein ständiges Neu-entscheiden-müssen zu umgehen und c) unser Bauchgefühl ab und an zu Rate ziehen, denn schliesslich basiert es auf jahrelanger Erfahrung und ermöglicht es uns darum, einen komplexen Sachverhalt rasch zu analysieren und Prioritäten zu setzen.

 

Die Liebe als Haupttreiber

Bevor ich dem Diplomaten und Publizisten Paul Roth das Schlusswort überlasse, mein wichtigster Ratschlag zum Schluss: Ob wir bewusst pausieren, Tagebuch schreiben oder uns ins höhere Alter denken, die treibende Kraft hinter unserem Vorgehen, so rät uns die Bibel (vgl. Lukas 10,27), soll immer die Liebe sein. Uns in allem, was wir tun, an der Liebe zu orientieren, ist das Lebensprinzip schlechthin! 

«Die Checkfrage»

Egal, um welche Entscheidung es sich handelt, diese unschlagbare Frage gibt die nötige Orientierung: «Setzt meine Entscheidung Liebe – gegenüber Gott, mir, meinen Mitmenschen – frei?»

1865, mit dem Ende des amerikanische Bürgerkriegs, wurde die Sklaverei in den gesamten Vereinigten Staaten rechtlich abgeschafft. Die Afroamerikaner lebten grundsätzlich in Freiheit, doch Armut, Demütigungen und Ungerechtigkeit sollten noch lange anhalten.

 

«Verwaistes Kind einer verachteten Rasse»

Etwa ein Jahr zuvor, 1864, wurde George W. Carver in Diamond, Missouri, geboren. Als Sohn der Sklaven Giles und Mary, die der Familie Carver angehörten, wurde er einfach «Carver’s George» genannt. Sein leiblicher Vater starb noch vor Georges Geburt, und als der Junge eine Woche alt war, wurden er und seine Mutter von Sklavenräubern entführt. Die Carvers konnten das Baby George freikaufen, aber die Mutter blieb verschollen. Der erwachsene Carver sagte später, er habe sein Leben als «verwaistes Kind einer verachteten Rasse» begonnen.

George, der von den Carvers als eines ihrer Kinder grossgezogen wurde, war oft krank, und man dachte, dass er kaum älter als 20 werden würde. Doch der schmächtige Junge, der sich für harte körperliche Arbeit nicht zu eignen schien, zeigte von Kindheit an nicht nur einen zähen Lebenswillen, sondern auch ein unbändiges Interesse an der Natur, an Gartenarbeit – und am Glauben. 

In einem Brief Jahrzehnte später schrieb Carver über seine Hinwendung zu Gott. Er war damals kaum 10: «Gott kam einfach eines Nachmittags in mein Herz, als ich allein auf dem Dachboden unserer grossen Scheune war, während ich Mais schälte, um ihn zur Mühle zu tragen und zu Mehl zu mahlen. Ein lieber, kleiner, weisser Junge, einer unserer Nachbarn, etwa in meinem Alter, kam an einem Samstagmorgen vorbei und erzählte mir beim Spielen, dass er morgen früh in die Sonntagsschule gehen würde. Ich wollte unbedingt wissen, was eine Sonntagsschule ist. Er sagte, dass dort Lieder gesungen werden und gebetet werde. Ich fragte ihn, was ein Gebet sei. Ich weiss nicht mehr, was er sagte; ich erinnere mich nur, dass ich, sobald er weg war, auf den Dachboden kletterte, mich neben das Kornfass kniete und betete, so gut ich konnte. Ich weiss nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich weiss nur noch, dass ich mich so gut fühlte, dass ich mehrere Male betete, bevor ich aufhörte … Das war meine einfache Bekehrung, und ich habe versucht, den Glauben zu bewahren.»

 

«Gott hat eine Aufgabe für dich»

Mit etwa 12 Jahren fasste Carver den Entschluss, eine zehn Meilen entfernte Schule zu besuchen, denn es gab an seinem Wohnort keine staatlichen Schulen für schwarze Kinder. Mit dem Einverständnis seiner Pflegeeltern, aber völlig auf sich allein gestellt, machte er sich auf den Weg nach Neosho. Es war jedoch Samstag und die Schule geschlossen. Da begegnete er auf der Suche nach einer Bleibe der Wäscherin Mariah Watkins, die zusammen mit ihrem Mann Andrew den Jungen freundlich aufnahm. Er stellte sich als «Carver’s George» vor, aber Mariah sagte: «Du bist eine eigene Person. Von jetzt an bist du George Carver!» Schon bald spürte «Tante» Mariah, die selbst eine gläubige Christin war, dass Gott seine Hand auf dem Jungen hatte. Eines Tages schenkte sie ihm eine Bibel und sagte: «George, Gott hat eine Aufgabe für dich. Du musst alles lernen, was du kannst, und dann alles, was du gelernt hast, an unser Volk weitergeben.»

George war wissbegierig und begann, die Bibel zu lesen – eine tägliche Gewohnheit, die ihm bis an sein Lebensende Kraft gab. Daneben lernte er alles, was der Lehrer aus Neosho ihm beibringen konnte. Doch wie sollte es weitergehen? Als Afroamerikaner hatte Carver es schwer, über eine Grundausbildung hinauszukommen. In Kansas verweigerte man ihm aufgrund seiner Rasse den Zugang zu einem College. Schliesslich konnte er sich in Iowa für ein Kunststudium einschreiben. Dabei bemerkte seine Lehrerin Etta Budd, wie gut er Pflanzen malte, und sie ermutigte ihn, Botanik zu studieren. 1891 war Carver der erste Schwarze, der die heutige Iowa State University besuchte und 1896 einen Masterabschluss machte. Carver – der sich schon früher die Mittelinitiale W. für Washington zugelegt hatte – setzte seine Studien über Pflanzen und ihre Krankheiten fort, erwarb sich als Botaniker Ansehen und wurde schliesslich der erste schwarze Dozent der Universität. 

Gleichzeitig gingen ihm die Worte von Mariah Watkins nach: «Gib das Gelernte an dein Volk zurück.» 

 

«Ich biete ihnen harte Arbeit an»

Als kurze Zeit später ein Brief vom Tuskegee-Institut in Alabama eintraf, in dem Professor Carver gebeten wurde, den Schwarzen des Südens neue Methoden der Landwirtschaft beizubringen, wusste er deshalb sofort, dass dies die Aufgabe war, auf die Gott ihn die ganze Zeit vorbereitet hatte. Der Leiter des Tuskegee-Instituts, Booker T. Washington, schrieb an George Carver: «Ich kann Ihnen kein Geld, keine Stellung und keinen Ruhm bieten. Ich biete Ihnen stattdessen Arbeit an – harte, harte Arbeit – die Aufgabe, ein Volk aus der Erniedrigung, der Armut und der Verschwendung zur vollen Persönlichkeit zu führen.»
Von Beginn an nahm George Carver das Ziel von Tuskegee ernst, nicht nur Fachwissen weiterzugeben, sondern den ganzen Menschen zu erziehen. Viele der ersten Studenten waren ja nur eine oder zwei Generationen von der Sklaverei entfernt und mussten sich mehr als nur Chemie oder Landwirtschaft aneignen: Sie mussten lernen, wie man in einer wettbewerbsorientierten und rassistisch geprägten Welt überlebt. Carver selbst wohnte auf dem Campus und war deshalb für alle Studenten, unabhängig von ihrem Studienfach, zugänglich. Vielen Studenten, besonders denjenigen, die am meisten unter Armut und Diskriminierung litten, versuchte er, seinen festen Glauben an ein gerechtes Universum zu vermitteln. Darum leitete er am Sonntagabend eine Bibelklasse, die in den dreissig Jahren, in denen Carver an der Schule tätig war, gut besucht war.
Obwohl Carver nach 1915 das formale Klassenzimmer aufgab, um sich ganz seiner Forschungstätigkeit zu widmen, blieb er, der selber nie verheiratet war, mit vielen Studenten von Tuskegee in Kontakt. Gegen Ende seines Lebens schrieb Carver in einem Brief an Dana Johnson, einen seiner damaligen Schützlinge, wie viel ihm diese jungen Männer noch immer bedeuteten: «Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meine Jungs denke und mich oft frage, was sie wohl gerade tun.» Er fuhr fort: «Es ist eine solche Inspiration für mich, die Fortschritte zu sehen, die Sie und Ihr Bruder gemacht haben und noch machen … als junge, aufstrebende Bürger, die beim Aufbau dieses grossen amerikanischen Gemeinwesens eine Rolle spielen müssen.»

 

Dreihundert Produkte aus der Erdnuss

Als George W. Carver seine Arbeit im Tuskegee-Institut begonnen hatte, war er sich bewusst, dass seine Lehre und Forschung den hauptsächlich schwarzen Farmern in seiner Umgebung gerecht werden musste. Ein grosses Problem war, dass fast die gesamte Landwirtschaft auf Baumwolle basierte, doch diese Monokultur laugte den Boden zunehmend aus. Carver, der mit einfachsten Mitteln forschte, gelang es dank alternativer Fruchtfolge mit Süsskartoffeln, Erdnüssen und Sojabohnen, die Bodenqualität wiederherzustellen und die Lebensgrundlage der verarmten Bauern zu verbessern. Er fand auch für andere Bereiche der Landwirtschaft ökologische Lösungen: Schweine mit Eicheln zu füttern statt mit teurem «Industriefutter», den Boden mit Sumpfschlamm zu düngen statt mit Chemie. Er entwickelte zusammen mit seinen Schülern ein Wanderlabor und ein Klassenzimmer, mit denen sie durch die Gegend reisten, um Böden zu analysieren und bessere Praktiken zu vermitteln.

Das durchschlagendste Ergebnis von Carvers Fruchtfolge-Strategie war ein Überschuss an Erdnüssen. Um den Markt dafür zu verbessern, entwickelte der Wissenschaftler neue Produkte wie Erdnussmilch, Erdnussbutter und Erdnussöl und fand im Laufe der Jahre rund 300 weitere Verwendungsmöglichkeiten für Erdnüsse (einschliesslich ihrer Schalen) für Kosmetika, Seifen, Salben, Shampoo, Rasierschaum, Papier, Farbstoffe, Metallpolitur, Beize, Klebstoffe, Kunststoffe, Wandplatten und vieles mehr.

 

«Gott hat mir gezeigt, was ich tun soll»

Sein Einsatz für die Erdnuss brachte George W. Carver nationale Anerkennung ein. Ein Schlüsselmoment war seine Rede am 21. Januar 1921 vor dem Ways and Means Committee des US-Repräsentantenhauses in Washington D.C. Ursprünglich hatte Carver nur zehn Minuten Redezeit, aber der Ausschuss war so begeistert, dass der Vorsitzende sagte: «Fahren Sie fort, Ihre Zeit ist unbegrenzt!» Fast zwei Stunden lang erläuterte Carver das Potenzial der Erdnuss und liess dabei auch immer wieder seinen Humor aufblitzen. Am Ende seiner Rede fragte ihn der Vorsitzende, woher er all diese Dinge wisse, und Carver antwortete: «Aus einem alten Buch.» «Aus welchem Buch?», fragte der Vorsitzende. Carver: «Aus der Bibel. Sie erzählt von dem Gott, der die Erdnuss gemacht hat. Ich habe ihn gebeten, mir zu zeigen, was ich mit der Erdnuss tun soll, und er hat es getan.» Natürlich erwähnte Carver neben seiner himmlischen Inspirationsquelle auch seine Ausbildung in Iowa und erzählte von seiner Arbeit im Tuskegee-Institut. Hier arbeitete George W. Carver weiter bis zu seinem Tod im Jahr 1943 und wurde im ganzen Land, insbesondere im armen Süden, bei Fragen der Landwirtschaft zu Rate gezogen. 

 

«Als ich aufwachte, war die Antwort da»

Doch die vielleicht hervorstechendste Eigenschaft von George W. Carvers Persönlichkeit war die eindrückliche Mischung aus kindlichem Gottvertrauen, einem unbeirrten Bewusstsein um seine Berufung und einer schier übermenschlichen Sanftmut gegenüber allen rassistischen Demütigungen. Sein Glaube war geprägt davon, den Schöpfer-Gott als gut anzusehen und das Böse als Folge menschlicher Unfähigkeit, das Gute zu begreifen. Carver liess sich nicht von der äusseren Erscheinung beirren, sondern versuchte, tiefer zu blicken, vor allem, wenn es um Dinge in der Natur ging. Er war der festen Überzeugung, dass Gott in der geschaffenen Welt alles bereitgestellt hatte, was der Mensch brauchte; aber es den Menschen überliess, die guten Geheimnisse zu ergründen, die in jeder Pflanze, jedem Tier und jedem Mineral verborgen waren. Darum war er auch wach für Gottes Gegenwart und empfänglich dafür, dass ihm in seiner Forschungsarbeit neue Erkenntnisse geschenkt würden. Darüber schrieb er einmal in der Rückschau auf seine Kindheit: «Als ich als kleiner Junge die fast unberührten Wälder des alten Carver-Anwesens erkundete, hatte ich den Eindruck, dass jemand vor mir dort gewesen war. Alles war so geordnet, so sauber, so harmonisch schön. Einige Jahre später sollte ich in denselben Wäldern die Bedeutung dieses jungenhaften Eindrucks verstehen. Denn ich war praktisch überwältigt von dem Gefühl einer grossen Gegenwart. Es war nicht nur jemand da gewesen. Jemand war da … Als ich Jahre später in der Heiligen Schrift las: In ihm leben wir und bewegen uns und haben unser Sein (Apostelgeschichte 17,26), wusste ich, was der Schreiber meinte. Seitdem war ich nie mehr ohne dieses Bewusstsein, dass der Schöpfer zu mir spricht … Während ich an Projekten arbeitete, die einem echten menschlichen Bedürfnis dienten, wirkten Kräfte durch mich, die mich erstaunten. Oft schlief ich mit einem scheinbar unlösbaren Problem ein. Als ich aufwachte, war die Antwort da.»

 

Carvers Kardinaltugenden

George W. Carver stellte einmal eine Liste mit acht Tugenden zusammen, die er seinen Schülern mit auf den Weg gab und die seine eigene Einstellung zum Leben zusammenfassen:

Warst du schon immer vorwärtsgewandt?

Nein, das war ich ganz und gar nicht. Aber ich war gegenüber der Gegenwart immer sehr misstrauisch. Auch wenn man mir als Kind glauben machen wollte, wie die Dinge zu sein haben, merkte ich, dass das so nicht stimmt. Ich spürte früh eine Dissonanz gegenüber der Idee: «So wie es ist, ist es richtig. Und so soll es bleiben.» Wohl deshalb, weil sich keiner daran gehalten hat. Alles ist in Bewegung. Die Gegenwart bleibt nie so, wie sie ist. Mich hat also nicht die Zukunft interessiert, sondern die Frage, was die Gegenwart ständig in Bewegung hält. 

 

Was hält sie in Bewegung?

Der Zeitgeist. Ich definiere ihn als ein temporäres Versprechen für ein gelingendes Leben. Wenn unsere Vorstellung vom richtigen Leben in Bewegung kommt, dann erscheinen plötzlich neue Fokuspunkte dafür. Und danach bauen wir unsere Gesellschaft um. Ein Beispiel: Es gab mal die Idee, dass es richtig ist, Kinder in der Erziehung zu züchtigen, damit aus ihnen vernünftige Menschen werden. Jetzt kommt das Faszinierende: Plötzlich kam man auf die Idee, dass man das Züchtigen abschafft und sie auf diese Weise vernünftige Mitglieder einer Gesellschaft werden. Wir haben das Eine Jahrhunderte lang geglaubt, unsere gesellschaftlichen Strukturen danach aufgebaut, und auf einmal sind wir vom Gegenteil überzeugt. Nämlich, dass Kinder sich ihrem Wesen nach entwickeln sollen. Das ist ein Sprung von «die Menschen sollen sich anpassen, damit es funktioniert» hin zu «sie sollen sich entfalten, damit es besser funktioniert.» Das Resultat davon liest man heute an Konzepten moderner Kindergärten oder in den aktuellen Entwicklungen in der Unternehmenskultur ab. 

 

Wie geht Zeitgeistforschung? Wo findet man das Neue?

Ich halte immer Ausschau nach dem Riss in der Matrix. Das beginnt, wenn irgendetwas im Mensch drin sich fragt: «Warum fühle ich mich nicht so, wie ich mich fühlen soll? Warum bin ich trotz allem nicht glücklich, nicht erfüllt? Warum liege ich nachts wach und habe Sehnsucht?» Vielleicht weiss man noch nicht einmal wozu, vielleicht gibt es noch nicht einmal einen Begriff dafür. Das ist der Moment, in dem etwas in die Welt kommen möchte, die Zeitgeist-Dynamik ihren Weg in unsere Gesellschaft findet. Aus diesen Rissen wird irgendwann ein Panoramafenster und dann ist alles anders, als es einmal war. Man kriegt den Geist nicht mehr zurück in die Flasche. Mich interessiert, wie wir von dort aus weitermachen und neu überdenken, wie wir arbeiten, konsumieren oder unsere Kinder erziehen.

 

Was sind die Stärken von Zeitgeist?

Er macht nicht immer nur alles besser. Er ist kein Synonym für Fortschritt. Aber Zeitgeist erinnert uns immer wieder an das ganze Potenzial von Wirklichkeit. Wir haben innerhalb unseres kulturell gebauten Systems alles systemintelligent angelegt. Von Geldanlagen über Geschlechterrollen bis hin zur Arbeitsethik. Bis irgendetwas reinkommt und sagt: «Wisst ihr was? Vielleicht kann man auch anders leben? Vielleicht gibt es etwas, was wir lange nicht mehr integriert haben in unsere Lebendigkeit?» Zu erwarten, dass eine einzige gesellschaftliche Struktur für alle greift, und zwar für immer, ist im Prinzip absurd. Und produzierte in der Vergangenheit eine Menge Leid und Schmerz. Der Zeitgeist hat die vornehme Aufgabe, uns immer wieder aus System-Ecken rauszuholen und uns zu helfen, ein unbekanntes Stück von Wirklichkeit zu integrieren, damit wir neue Erfahrungen machen können. Damit das, was unten ist, nach oben kommt und umgekehrt. Damit die Karten neu gemischt werden. 

 

Und was ist seine Schwäche?

Dass er keine Ruhe gibt. Das kann einem auf die Nerven gehen. Immer dann, wenn man sich gut eingerichtet hat, wird man von Neuem gefordert. Es ist anstrengend, sich ständig zu verändern. Und es ist anstrengend, die Sachen in Frage zu stellen, die doch eigentlich gut funktioniert haben. 

 

Wie verhält sich Zukunft?

Selten linear. Unsere Gesellschaft biegt ständig mit der nächsten Sehnsucht ab. Und es ist schwer zu sagen, was die nächste Sehnsucht sein wird. Wir Menschen lesen das Kleingedruckte des Lebens nicht. Wir haben den Job, das Haus, den Traumurlaub, stellen unsere Ernährung um und machen regelmässig Sport, engagieren uns in der Gemeinschaft und haben das Kind, das wir uns gewünscht haben. Das Kleingedruckte dabei ist: Wir schlafen nicht mehr gut, sind gestresst, müde, uns fehlen Inspiration und Leichtigkeit. Und aus all dem entstehen Sehnsüchte. Wir können zum jetzigen Moment die künftige, neue Lust an der Erfahrung nicht vorhersehen. Es ist die Sehnsucht, die uns davon erzählt, was der Welt hinzugefügt werden möchte. Und nicht die Vernunft. Weil sich die Vernunft immer daran orientiert, wie es richtig sein sollte.

 

Wie sollen wir auf den Zeitgeist blicken?

Staunend! Das ist ganz wichtig. Darüber hinaus mache ich uns allen lieb, bei Zeitphänomenen nicht primär mit einem lauten «Ich finde …» eine Meinung zu äussern, sondern sich die Frage «Was hat das zu bedeuten?» zu stellen. Weil wir damit mehr verstehen statt zu verurteilen. Und das ist für mich ein Wert an sich. Wir haben ein grösseres Schöpfungspotenzial mit unserer Gegenwart, wenn wir mehr verstehen. Spielen wir das an einem Beispiel durch: Die Vorstellung von der Kernfamilie als Vater-Mutter-Kind war nicht schon immer da. Sie ist zu einer bestimmten Zeit in die Welt gekommen. Mann, Frau und Kind in einem Einfamilienhaus – das war einmal wilder Zeitgeist. Das war einmal eine Sehnsucht. Und jetzt sitzen wir da und kriegen diesen grossen Anspruch aller Parteien an die Lebensgestaltbarkeit mit Vater-Mutter-Kind nicht mehr hin. Da sind ganz viele Risse in der Matrix reingekommen. Es ist eine neue Entwicklung zu Clan-Strukturen zu beobachten. Und das ist nicht schlecht. Es ist erstmal einfach anders. Wenn man Kultur als einen ständigen Prozess begreift, wo wir immer wieder versuchen, neue Wirklichkeit hinzuzufügen, dann sieht man die Sache insgesamt gelassener. 

 

Was lernen wir durch die Auseinandersetzung mit Zeitgeist? 

Wir lernen Entwicklungsgrosszügigkeit. Das ist für mich die wichtigste Tugend in der Auseinandersetzung mit dem Wandel von Gegenwart. Die Grosszügigkeit, die man für sich selbst beansprucht, als perspektivische Weisheit auch auf die aktuelle Zeit anzuwenden. Man kann vor sich hin griesgrämen, in der Annahme, dass früher alles besser war. Was selten der Fall ist, weil wir oft vergessen, wo wir herkommen. Oder man kann denken, dass die Welt komplett verrückt geworden ist. Das entlarvt jedoch nur die Abweichung der Realität von der eigenen Vorstellung, wie die Welt sein sollte. Ist man entwicklungsgrosszügig, denkt man nicht mehr: «So muss es sein». Man fragt: «Was ist im Werden? Was möchte der Welt hinzugefügt werden?» Es geht auch um eine Neubewertung von Zeitgeist. Er ist, salopp gesagt, nicht der böse Teufel, der da kommt und einem die Werte klaut und dem man sich anpassen muss. Man ist vielmehr aufgefordert, mit dem heilsamen Potenzial von Zeitgeist Gesellschaft zu fördern. So können wir anders an Gemeinschaft arbeiten, indem wir aufmerksam darauf schauen, wo der Mensch und die Kultur hinstreben, damit sie weiter lebendig sind. Dieser Blick auf die Welt birgt deutlich mehr Gestaltungspotenzial und ich empfinde ihn als die viel lässigere und weisere Art, sich die Gegenwart anzuschauen. 

 

Wie steht es um den Zeitgeist Spiritualität?

Es gibt eine kollektive Sehnsucht nach metaphysischer Erfahrung. Die Frage, die man sich stellen kann, ist, warum diese Sehnsucht die Menschen nicht in die Kirchen spült. Das «Du sollst und du musst» und «So und nicht anders» funktioniert nicht mehr. Da klingt der aktuelle Zeitgeist – das aktuelle Versprechen der persönlichen Entfaltung – nicht mit. Die Leute erwarten die metaphysische Erfüllung nicht hinter dem Kirchentor. Wenn man sich den Zeitgeist Spiritualität anschaut, ist der nicht weit vom Christentum entfernt, er findet nur ausserhalb der Institution statt. Und darüber müsste man sich Gedanken machen. 

 

Muss Kirche innovativ sein?

Kommt drauf an, was man will. Kirchen kommen aus einer Tradition, in der die meisten Menschen ihnen angehört haben. Es ist eine etablierte Religionsgemeinschaft gewesen, die heute ihre flächendeckende Relevanz verloren hat. Jetzt ist die Frage, was sie will. Wenn sie die Relevanz zurückerlangen will, dann muss sie sich bewegen, wie sich alles um sie herum bewegt hat. Wenn sie den Anspruch auf flächendeckende Relevanz verlässt, dann kann sie es aussitzen. Die Frage nach der Innovation stellt sich nur, wenn man im grossen Stil resonanzfähig sein möchte. 

 

Was wünschst du dir für die Zukunft? 

Dass wir vergangene Zeitgeister, deren Zeit abgelaufen ist, schneller ablegen könnten. Wie zum Beispiel territorialdenkende Herrscher mit Machtansprüchen. Das ist so gestrig. Wir haben diesen Herrschertypus so viele Jahrhunderte durchgezogen, das ist überlebt. 

Und ich wünsche mir, dass wir in Phasen des Zeitgeistübergangs, wenn das Neue noch nicht so richtig geworden ist, aber das Alte bereits bröckelt, nicht sofort zum «Zurück-zu»-Muster rennen. Dass wir den Gedanken überwinden, dass das Zurück die Lösung wäre. Dass wir die Angst aushalten, nicht zu wissen, wie es wird. Dass wir nochmals genauer hingucken und fragen: Wie können wir es anders machen?

 

Zitat:

Entwicklungsgrosszügigkeit ist für mich die wichtigste Tugend in der Auseinandersetzung mit dem Wandel von Gegenwart.

 

Personenbeschreibung:

Kirstine Fratz berät Unternehmen und Institutionen wie Unilever, Gucci, Facebook, Audi und die katholische Kirche. Sie ist internationale Speakerin für Zeitgeist-Themen, Dozentin an Hochschulen, Aufsichtsratsmitglied bei der German Real Estate und TED Speakerin, Autorin von «Das Buch vom Zeitgeist – Und wie er uns vorantreibt» und publiziert regelmässig neue Zeitgeist-Perspektiven in unterschiedlichsten Medien von Tush, Deco Home bis zum Wallstreet Journal.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde (1. Mose 1,1). Gott schafft immer wieder Neues, wie es Jesaja besagt (Jesaja 43,18-19) und lädt uns ein, uns allezeit zu freuen über das, was ich schaffe» (Jesaja 65,18).

 

DER ERFINDERGOTT

Gott ist ein Erfindergott. Deshalb ist Innovation im Sinne von Erneuerung zutiefst in der Existenz der Schöpfung und unseres Menschseins verwurzelt. Innovation «passiert». Überall und permanent. Bis in den Alltag hinein. Wenn ich am Kochen bin und mir bestimmte Zutaten fehlen, kann das zu innovativen Ideen führen, mit dem Resultat, dass am Esstisch unterdrückte Würgegeräusche die still gezollte Anerkennung unterbrechen. Wenn ich im Dachstock ein riesiges Regal als Bibliothek verbauen möchte und realisiere, dass da mittendrin noch ein Balken herausragt und irgendwoher noch Strom gezogen werden müsste, fordert mich das zu kreativen Lösungen heraus. Wenn Tamara und ich uns als Ehepaar und Familie alle paar Monate wieder auf veränderte Umstände einstellen müssen, brauchen wir innovative Energie. Und selbst das Schreiben dieser Zeilen ist pure Innovation – eine Anordnung von Buchstaben, wie sie noch nie in genau dieser Kombination auf einem Blatt zu finden war.

Letztlich sind wir als Menschen fähig zu kreativen Prozessen, weil wir darin zutiefst und wohl am deutlichsten Gottes Wesen und seine Schöpfungskraft widerspiegeln. Der Trugschluss jedoch, dass fromme Menschen in irgendeiner Weise kreativer sein sollten, wird durch die Realität widerlegt. Kreativität scheint durch die Ebenbildlichkeit im Menschsein grundsätzlich angelegt und verankert, weshalb wir in der Weltgeschichte bis heute auf allen Gebieten erstaunliche Entwicklungsschübe beobachten können. 

Gott hat eine Entwicklungsdynamik in seine Schöpfung gelegt, die uns Menschen immer wieder Neues, neue Gesetzmässigkeiten, neue Möglichkeiten erforschen und entdecken lässt. So wie Sprüche 25,2 sagt: Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verbergen, die Ehre der Könige aber, eine Sache zu erforschen. Es gehört daher zum Menschsein – als Ebenbild Gottes – und zu seinem Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, dass er – aus der Verbindung mit Gott und seinem Geist – entdeckerfreudig, kreativ, künstlerisch, erfinderisch und innovativ tätig ist, zum Wohl der Schöpfung und der Menschheit und zur Ehre Gottes.

 

EIN UNIVERSELLES LEBENSKONZEPT

In diesem Sinn sind wir Menschen und ist die Welt auf Weiterentwicklung, auf Innovation, ausgelegt. Und das gehört, wie ich in meinem Buch «Neuländisch» ausgeführt habe, unabdingbar zur 

gesunden Vorwärtsbewegung des Lebens und Glaubens. Innovation kommt vom lateinischen «innovare», was wörtlich «erneuern» bedeutet – ein Prozess, der sich überall in der Schöpfung wiederfindet, von der Natur bis zum eigenen Körper. Das ständige Erneuern entspricht dem Lebenskonzept, das der «Seht, ich mache alles neu»-Gott für uns Menschen entworfen hat (vgl. Offenbarung 21,5). Während du diesen Satz liest, werden über 50 000 Zellen in deinem Körper erneuert. Täglich verlieren wir 14 Gramm tote Hornzellen. Das sind zig Millionen – und nach rund einem Monat haben wir einen völlig erneuerten Zellsatz auf der Hautoberfläche. Wenn wir achtzig sind, haben wir an die 400 kg Haut verloren. Gott sei Dank. Bereits Haut und Haare zeigen, wie wichtig Erneuerung für uns Menschen ist. Was unser Körper äusserlich macht, muss unser Inneres ebenso tun. Paulus drückt es so aus: Mögen auch die Kräfte unseres äusseren Menschen aufgerieben werden – unser innerer Mensch wird Tag für Tag erneuert (2. Korinther 4,16). Ein faszinierender Vers mit einer wegweisenden Aussage. Unser Inneres ist «mit Haut und Haar» auf tägliche Erneuerung ausgelegt. Und dies, weil es für den Prozess der Christus-Ähnlichkeit, für die wir geschaffen worden sind, notwendig ist. Erneuerung also, damit ihr Gott immer besser kennenlernt und seinem Bild ähnlich werdet (Kolosser 3,10).

Unternehmerisch spricht man bei einem solchen «Optimierungsprozess» von inkrementeller Innovation – wenn etwas Bestehendes beispielsweise besser oder schöner gemacht wird. Dem gegenüber steht die disruptive Innovation, die beschreibt, wenn man eine völlig neue Lösung für ein Problem entwickelt. Beide Dynamiken finden sich auch im Glaubensleben – die konstante Erneuerung wie auch das mutige Beschreiten von Neuland. Sie bedingen beide die Bereitschaft, mich im Leben immer wieder aufzumachen in den Beziehungen, in meinem Denken und Glauben und vorwärtszusuchen. Die Bereitschaft, mich nicht einfach «gefunden habend» hinzusetzen, sondern neugierig glaubend Christus zu folgen. Und Luthers pointierte Formulierung zu akzeptieren: «Ein Christ ist im Werden, nicht im Gewordensein.»

«Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte», sagte Gustav Heinemann, ehemaliger Bundespräsident von Deutschland. Das gilt nicht nur für unser persönliches Leben, sondern auch für so viele andere Systeme, zum Beispiel für eine Gemeinde oder für Beziehungen – wo man sich nicht mehr miteinander weiter- und aufeinander zu bewegt, da verkümmert etwas und stirbt ab. Bei der Mystikerin Teresa von Ávila klingt das wunderschön: «Ich meine, dass es der Liebe nicht möglich ist, irgendwo stehen zu bleiben. Wer nicht wächst, schrumpft.» Wenn wir unserem Glauben nicht erlauben, sich innovativ und kreativ weiterzuentwickeln, dann verkümmert er über die Jahre. Er schrumpft. Und wir degenerieren schlussendlich zu zynisch-verbitterten Glaubenszwergen.

 

INNOVATIONSBREMSEN

Es gibt verschiedene Dinge, die Innovation ausbremsen. Oft hat das mit einem bestimmten Mangel zu tun. Hier sechs Arten, die ich in meinem eigenen Leben immer wieder mal identifizieren kann.

 

  1. Ein Mangel an Zeit: Ein Grund für mangelnde Innovationsenergie bei Kreativprozessen, wie zum Beispiel dem Schreiben, kann Zeitdruck sein. Innovation ist weder ein Espresso, der auf Knopfdruck aus der Maschine kommt, noch ein Diamant, der unter Druck geboren wird. Innovation braucht Raum und Zeit, um sich zu ereignen. Und wenn es mir an kreativer Denkenergie fehlt, muss ich mir die Zeit einplanen, nehmen und gestalten. Da wir nicht in uns abgeschlossene Wesen sind, sondern verwoben mit dem Umfeld, hat auch das aktive Gestalten des äusseren Raumes Einfluss auf die Innovationsprozesse in uns.

 

  1. Ein Mangel an Mut: Der französische Schriftsteller André Gide sagte: «Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen.» Oft geschieht Veränderung nur deshalb nicht, weil die Angst vor Veränderung den Mut zu Boden ringt. In der Geschichte von Jesus mit den Jüngern im Sturm wird dies deutlich. Sie haben Panik, er schläft. Dann befiehlt er dem Sturm, ruhig zu sein. Doch gleich darauf kommt es zu der schockierenden Begegnung mit jenem nackten, besessenen Mann in Gerasa, der alle terrorisiert und dann von Jesus geheilt wird. Was mir bei der Geschichte ins Auge sticht, ist die Tatsache des «Nach der Angst ist vor der Angst»-Phänomens. Als Jesus den Sturm stillte, brach bei den Jüngern nicht etwa eitle Freude aus. Nein, sondern: Jetzt wurden sie erst recht von Furcht gepackt (Markus 5,41 NGÜ). Das Gleiche geschah mit den Menschen, die in der Region des Besessenen lebten und von ihm bedroht wurden. Als Jesus aber ihr Problem löste und der Mann friedlich wie ein Lämmchen da sass, bekamen sie es mit der Angst zu tun, und sie drängten Jesus dazu, ihr Gebiet zu verlassen. 

Wir stossen da auf eine menschliche Reaktion, die ich immer wieder beobachte: Mehr noch als vor der unbequemen oder schmerzhaften Situation, in der wir uns befinden, fürchten wir Menschen uns vor Veränderung. Ich begegne Menschen, deren ganzes Leben nach Veränderung lechzt, die nach einer Begegnung mit Gott dürsten, aber es nicht schaffen, ihre Situation loszulassen und sich von Gott weiterführen zu lassen – sie haben Angst, was Gott mit und aus ihnen machen könnte. Oder wie es Uli Eggers, ein Freund von mir, auf den Punkt gebracht hat: «Für viele ist das stille Leiden am Ist-Zustand beherrschbarer und bequemer als der Mut zur Wahrheit.»

 

  1. Ein Mangel an Bereitschaft zu scheitern: Innovation und einen neuländischen Spirit im eigenen Leben zuzulassen, bedeutet, zu akzeptieren, dass Fehler, Umwege und Sackgassen natürlicherweise Teil des Lebens sind. Dass es darum geht, hoffnungsvoll vorwärtszuscheitern und daran nicht zu zerbrechen. Vom grossen Erfinder Thomas Edison erzählt man sich, dass er Tausende von erfolglosen Versuchen mit verschiedenen Drähten absolvierte, bis er endlich eine funktionierende Glühbirne entwickelt hatte. Er selbst soll dazu gesagt haben: «Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10 000 Wege gefunden, die nicht funktionieren.» Das Nichtfunktionieren, Stolpern, Umfallen, Fehler- und Umwege-Machen ist nicht einfach Versagen, sondern integraler Bestandteil dessen, was sich Leben nennt.

 

  1. Ein Mangel an Veränderungsenergie: Die meisten Veränderungen brauchen einen Startschub, einen Energieaufwand. Als würde man versuchen, ein grosses Wasserrad in Schwung zu bringen. Dazu muss man einen bestimmten Widerstand überwinden, der in manchen Systemen oder auch in persönlichen Situationen sehr gross sein kann. Personen, aber auch Organisationen haben ein Immunsystem – und da sprechen wir nicht vom biologischen, sondern von einem Immunsystem geistiger Natur. Wenn Veränderung in das System eingespeist wird, kann das zu einer autoimmunen Abwehrreaktion führen. Genau wie ein Körper, der ein neues Herz bräuchte, um zu überleben, dieses abstossen wird, wehren sich Systeme gegen Veränderungen, selbst wenn diese gut und überlebenswichtig wären. Ich habe schon so oft Teams oder Organisationen in Change-Prozessen begleitet und die Quintessenz war oft: «Wir wollen unbedingt Veränderung – aber nur, wenn alles so bleibt, wie es ist.» Das Immunsystem reagiert sofort und es braucht oft viel Veränderungsenergie und Veränderungswille, um diese Abwehrreaktion zu überwinden. 

 

  1. Ein Mangel an Loslassenkönnen: Eine weitere Bremse nennt die Wissenschaft «Escalating Commitment» (Eskalierende Verpflichtung). Sie taucht dort auf, wo man in etwas Bestimmtes schon so viel Herzblut, Zeit oder Geld investiert hat, dass man nicht mehr anders kann, als weiter an dem Projekt oder der Stossrichtung festzuhalten, selbst wenn sie keinen Erfolg verspricht. Man ahnt zwar, dass es nicht erfolgreich sein wird, aber hat den Zeitpunkt verpasst, um auszusteigen, oder etwas zu ändern. «Escalating Commitment» lässt sich vielerorts entdecken: Wenn man einfach weiterhin auf eine offensichtliche erfolglose Strategie setzt – etwa auf eine Marketingkampagne, die nicht läuft, aber weil da schon eine Million drinsteckt, investiert man noch mehr. Oder wenn der Preis für Heizöl steigt, aber weil man es verpasst hat, vorher einzukaufen und es jetzt teurer ist, wartet man noch länger, obwohl es nur noch schlimmer wird. Oder da ist eine Gemeinde, in der man einen bestimmten Wert, eine Tradition oder eine Moralvorstellung jahrzehntelang hochgehalten hat, obwohl man spürt, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr stimmig ist.

 

  1. Ein Mangel an Weitblick: Konrad Adenauer sagte: «Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber nicht alle haben den gleichen Horizont.» Innovation wird manchmal nicht möglich, weil wir sie nicht sehen wollen. Weil wir nur schon in unserem Kopf nicht zulassen, dass eine Lösung möglich wäre, die ausserhalb unseres Blickfeldes liegt. Denn innovative Lösungen sehen oft anders aus als die, die wir uns vorstellen können. Der Erfinder des Automobils Henry Ford sagte: «Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: ‹Schnellere Pferde.›» Im christlichen Glauben haben wir zusätzlich noch den Faktor Gott, der für Überraschungen sorgen kann. So wie es der Diener von Elisa erlebte, als Elisa in einer ausweglosen Situation betete, dass Gott dem Diener die Augen öffnen möge (2. Könige 6,17). Darum ist es in Teams so unglaublich hilfreich, mit Menschen, die unterschiedliche Persönlichkeiten haben, unterwegs zu sein, weil man so automatisch aus verschiedenen Perspektiven auf ein Thema blickt.

 

MUTIG VORWÄRTSGLAUBEN

Erneuerung wird dort möglich, wo wir unseren Mängeln ins Auge sehen. Und uns nicht mehr von ihnen blockieren und bremsen lassen, sondern uns nach vorne ausrichten. Im Sommer besuchte ich mit meiner Familie das tansanische Massai-Dorf Ngito, wo die Bewohner vor zwei Jahren unter grosser Dürre litten und kein Wasser hatten. Die Frauen mussten täglich acht Stunden laufen, um an Wasser zu gelangen. Sie waren dann auf einen Hügel gestiegen, um Gott anzuflehen, ihnen doch Wasser zu schenken. Die Vorstellung der Menschen war wohl, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und massive Regengüsse eintreten würden. Fakt war aber, dass kurz nach dem Gebet unser Team von GAiN auftauchte, um Abklärungen zu machen, ob man in genau diesem Dorf einen Brunnen bohren könnte, mit der Folge, dass in diesem Dorf nun einer unserer Brunnen steht und Wasser spendet.

Gott hört es, wenn wir um Veränderung und Erneuerung beten. Ein erster Schritt ist es, ihn in unseren Mangel hineinzulassen, im Vertrauen auf die Verheissung in Philipper 4,19: Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. Und dann geht es darum, sich mutig aufzurappeln – oder von Gott aufrichten zu lassen – und hoffnungsvoll vorwärtszustolpern – in das, was Gott zeigt und wirkt. Hinein in wohltuend Neues, hinein in Leben fördernde Veränderung.

Wörter können wild und gefährlich sein oder auch harmlos und träge wirken. Sie können wohlige Gefühle wachrufen oder Kontraktionen im Magen verursachen. Manche Wörter tragen eine farbige Wolke mit sich wie ein Kind einen Ballon nach dem McDonald’s-Besuch. Manche Wort-Ballone sind farblos und grau, andere hoffnungsvoll grün, tiefsinnig dunkelblau oder farbenfroh gesprenkelt. «Ausharren» hat etwas grell Oranges. Nicht unschön, aber ein bisschen giftig, sperrig und angriffig. Vor allem fadet die Farbe wie bei einem PowerPoint-Effekt erst langsam ein, um dann umso sanft-penetranter zu wirken. 

 

DIE KONSTRASTBEWEGUNG

«Ausharren» klingt definitiv nicht neutral. Irgendetwas in mir sträubt sich, das Wort einfach so zu mögen. Als Kind unserer Zeit steh ich damit keineswegs allein da. Die gegenwärtig heranwachsende Gen Z ist die erste Generation, die von Geburt an untrennbar mit dem Smartphone verwoben aufwächst. Für sie sind sofortiger Zugang zu Informationen und permanente Erreichbarkeit gegeben. Erstaunlicherweise führt das zu einer Gesellschaft, die mehr Wissen verfügbar hat, als jede Generation zuvor und doch weniger fähig ist, Wissen anzuwenden. Sie hat mehr Kommunikationskanäle als je und ist im kommunikativen Umgang nicht besser geworden. Sie hat mehr Optionen und ist weniger imstande als je, nachhaltige Entscheidungen zu fällen. Vor allem aber hat sie sich an die Geschwindigkeit gewöhnt und weiss nicht mehr, dass manche Dinge Zeit brauchen. 

Welch Gegensatz zu unserem Sommereinsatz als Familie in Tansania: Als ich die Verantwortlichen der Kirche fragte, wann der Gottesdienst beginnt, bei dem ich predigen sollte, bekam ich als Antwort keine Uhrzeit. «Wenn alle da sind», hiess es pragmatisch. Und irgendwann zwischen 10.00 und 12.00 Uhr werden bestimmt alle da sein, warum also nervös auf die Uhr schauen. Tatsächlich hat mir der African Way sehr gut getan – obwohl ich mich ab und zu dabei ertappte, im Tagesablauf nach Fixpunkten zu suchen, die mir Orientierung gaben. Es half, mir selbst zuzureden, dass das «Hier sein» und das Warten, bis es Essen gibt, auch mit Leben gefüllt ist. 

Und mir ist neu klar geworden, weshalb in unserem durchgetakteten Leben im Westen so viele Menschen Entschleunigung und Ruhe suchen, Achtsamkeit und Einfachheit üben und auch im gottesdienstlichen Rahmen ruhige, klösterliche und liturgische Elemente immer mehr Einzug halten.

 

DARUNTER BLEIBEN

Der Wortschatz einer Sprache sagt viel über die jeweilige Kultur aus. In Indonesien gibt es ein paar Dutzend Worte für Reis. Inuit haben mehrere Bezeichnungen für Schnee. Die Art und Häufigkeit, wie Menschen Worte verwenden, verdeutlicht deren Stellenwert in ihrem Alltag. Das Wort «Ausharren» glänzt dabei hierzulande grossflächig mit Abwesenheit. Es taucht schlicht nirgends auf. Es verdeutlicht den Puls einer Gesellschaft, die Ausdauer haben und Warten können genauso verdrängt wie etwa die Frage nach Gott oder die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. 

Während ich diese Zeilen schreibe, harre ich einmal mehr in der Deutschen Bahn aus, irgendwo im Niemandsland. «Fahrwerkstörung» oder so heisst es dann meistens. Es trifft zurzeit bei so ziemlich jeder meiner Reisen in Deutschland ein und das Überraschende ist, dass es mich jedes Mal wieder neu nervt. Ich ergebe mich einmal mehr meinem Schicksal, harre aus und warte, bis es irgendwie weitergeht. Und plötzlich realisiere ich, dass es sich im Glaubensleben genauso verhält. Fast immer geschieht etwas, das uns zwingt, zu warten, und oft ist das Einzige, was wir tun können, da wo wir gerade sind auszuharren, bis es weitergeht.

Der biblische Begriff für «Ausharren» bedeutet wörtlich übersetzt «darunter bleiben». Unter etwas bleiben wie unter einem Schirm. Es bedeutet, im Leben und besonders in schwierigen Situationen nicht einfach «auszusteigen» und davonzulaufen, sondern «darunter zu bleiben». Manchmal ist das überlebenswichtig. Im Militär war ich in einem Lawinenkurs, als wir in einer Hüte auf fast 3500 Metern von einem gewaltigen Schneesturm überrascht wurden. Während fast drei Tagen war es unmöglich, sich mehr als ein paar Meter von der Hütte wegzubewegen. Wir konnten nicht evakuiert werden und hatten keine Möglichkeit, mit unseren Skiern das Tal zu erreichen. Also harrten wir in der Hütte aus – die Nächte lag ich lange wach, direkt unterm Dach, während einen Meter über mir der Sturm unerbittlich tobte. Manchmal möchte ich genau das Gegenteil: mich in unangenehmen Situationen «darüber erheben». Ich möchte die Dinge beschleunigen, Abkürzungen nehmen, ausweichen und davonlaufen. Aber viele Prozesse im Leben sind abkürzungsfrei angelegt und müssen durchlebt werden. Oft erst im Rückblick können wir die Schätze erkennen, die wir aus solchen Lebensphasen gewonnen haben. Und wir entdecken, dass es nicht um das schnellstmögliche Erreichen eines Ziels geht, sondern sich Leben gerade in der Warte- und Ausharrezone abspielt. Verbunden mit wertvollen Lektionen, entscheidenden Begegnungen und schönen Dingen, an denen wir sonst ignorant vorbei geeilt wären.

 

DAS AUSHARREN DES CHRISTUS

Ausharren ist weder meine Königsdisziplin noch eine meiner Geistesgaben. Eher ein Wachstumsbereich mit viel Luft nach oben. Doch beim Lesen in der Bibel ist mir in den vergangenen Monaten dieses Wort wie noch nie an vielen Stellen aufgeleuchtet. Nur ein paar Beispiele:

Römer 5,3-4 sagt, dass uns das Ausharren in Drucksituationen zu bewährten und hoffnungsvollen Menschen macht: Wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, da wir wissen, dass die Bedrängnis Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.

Hebräer 6,12 fordert uns auf, nicht träge zu sein und aufzugeben, sondern dranzubleiben, um Gottes Verheissungen zu erleben: … damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheissungen erben.

  1. Thessalonicher 3,5 – eine meiner Lieblingsbibelstellen zum Thema Ausharren – ist ein Segensgebet: Der Herr aber richte eure Herzen auf die Liebe Gottes und auf das Ausharren des Christus! Es drückt den Wunsch aus, den ich auch für Campus habe: Dass wir unseren Auftrag, Gottes Liebe in diese Welt hineinzutragen, mit dem durchhaltenden Warten auf Christus verweben. Denn oft erfordert Glauben ein geduldiges Ausharren auf Christus, ein Aushalten von Dürrezeiten, bis Gott sich wieder zeigt, bis er wieder überraschend ins Leben hineinbricht und Erntezeiten schenkt. Für Campus als Bewegung ist Ausharren für mich neu zu einem wichtigen Kontrapunkt geworden, den wir bei all der Zielorientierung, die wir haben, vor Augen und im Herz festhalten wollen. 

 

FRUCHT BRINGEN DURCH AUSHARREN

Das führt zu einem nächsten Aspekt des Ausharrens, den wir bei Lukas 8,15 finden: Das in der guten Erde aber sind die, welche in einem redlichen und guten Herzen das Wort, nachdem sie es gehört haben, bewahren und Frucht bringen mit Ausharren.

Als Campus-Bewegung wollen wir Frucht bringen, wie auch immer diese Frucht in den einzelnen Ministries definiert ist. Ich selbst möchte auch ein «fruchtbares» Leben leben. Dass man aber an Früchten nicht ziehen kann, damit sie schneller wachsen, ist selbst denen klar, die keinen Garten haben. Frucht bringen ist untrennbar verbunden mit dem Warten auf Wachstum, das nicht in unseren Händen liegt. Und das bringt den Faktor Zeit ins Spiel. In Psalm 1 heisst es, dass der Mensch Frucht bringen soll zu seiner Zeit und dass seine Blätter nicht verwelken. Das lässt uns entspannt leben, selbst wenn in einer Phase des Ministries oder auch des Lebens die Frucht mal ausbleibt. Das Wachstum der Frucht liegt nicht in unseren Händen – unser Part ist es nur, zu schauen, dass wir nah am Wasser bleiben. Die Frucht selbst ist Gottes Sache. 

 

DER JAHRESZYKLUS DES AUSHARRENS

Ausharren gehört zum Leben wie der Winter zum Jahreszyklus. Sich in diesen Zeiten das Vertrauen zu bewahren, fällt nicht immer einfach. Und es ist tröstlich, dass es selbst den Besten nicht immer gelingt. Für mich ist Johannes der Täufer ein wohltuendes Beispiel. Bei ihm sind Lebensphasen ersichtlich, bei denen uns unerschütterlicher Glaube aus allen Poren entgegendrückt. Aber er kennt auch die andere Seite der Glaubensmedaille. In seinen «hohen» Zeiten klingt es so: «Seht, hier ist das Opferlamm Gottes, das die Sünde der ganzen Welt wegnimmt!» Oder: «Das habe ich nun mit eigenen Augen gesehen, und darum bezeuge ich, dass dieser Mann der Sohn Gottes ist» (Johannes 1,29.34). Geballte Überzeugung lag in seinen Worten. Aber dann läuft das Leben plötzlich nicht mehr rund, die begeisterte Menge ist weg, und Johannes versinkt in der Einsamkeit seiner Gefängniszelle. Seine innere Reise schlägt sich in der so nachvollziehbaren und schier brüchig anmutenden Frage an Jesus nieder: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? (Matthäus 11,3). Das Leben von Johannes war gezeichnet von Warten. Von Warten und Ausharren. Vom Warten auf den Einen. Und dieses Ausharren war geprägt von Momenten tiefsten Vertrauens, aber auch durchzogen von Momenten des Zweifelns, die alle «Glaubenswahrheiten» brachial in den Hintergrund drückten. Dieses Spannungsfeld nennt man «Leben».

Gott ist nicht erschüttert über das Wechselbad unseres Glaubenslebens. Er bleibt Gott und er bleibt treu, selbst wenn wir ihn zwischenzeitlich kaum erkennen können. Das können Phasen sein, in denen uns eine Krankheit, ein Schicksalsschlag oder ein durchkreuzter Plan aus der Bahn wirft. Eine ungeklärte oder spannungsgeladene Beziehung auf der Seele lastet. Existentielle Sorgen oder auch Glaubenszweifel in grossen Lebensumbrüchen umtreiben. 

Gerade unsere (christliche) Instant-Generation tut gut daran, von Johannes warten und ausharren zu lernen und unabhängig von Lebensumständen fest auf Christus ausgerichtet unterwegs zu bleiben. Manchmal mutig und überzeugt, manchmal fragend und zweifelnd. Jedoch in allem sich Christus immer neu zuwendend und auf ihn zulebend.

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