Schweizer Busse für die Ukraine

Es ist der Abend des 9. März 2022. Seit zwei Wochen wütet der Krieg in der Ukraine. Dima, Leitungsmitglied von Campus Ukraine, fasst sich ein Herz und schreibt ein SMS in die Schweiz: «Wir brauchen dringend Transportmöglichkeiten für die Evakuation von Menschen und die Lieferung von Hilfsgütern.»

Raphael Marti, Leiter von Agape international, reagiert umgehend. Noch am gleichen Abend klärt er online die konkreten Bedürfnisse ab. Ein kleiner Lieferwagen wäre optimal, meint Dima.

Drei mal vier Autos

Raphael und Dima kennen sich seit 2016. Ukrainische Campus-Mitarbeiter waren damals am Weltjugendtag der katholischen Kirche in Polen engagiert und dort das erste Mal THE FOUR begegnet. Dadurch entstand der Kontakt zu Campus Schweiz bzw. zu Raphael Marti. Er und Dima sind seit dem immer wieder im Austausch; inzwischen leitet Dima THE FOUR in der Ukraine.

Kurzerhand bespricht Raphael die Anfrage mit der Leitung von Campus Schweiz und wird umgehend damit beauftragt, vier Kleintransporter zu organisieren und in die Ukraine zu bringen. Zehn Tage später, am 19. März, sind vier Autos gefüllt mit Hilfsgütern und sechs Freiwillige bringen alles wohlbehalten über die polnisch-ukrainische Grenze. Im April und Mai folgen nochmals je zwei «Flotten» mit gesammthaft sieben Fahrzeugen.

Ministry in Krisenzeiten

«Wir sind extrem dankbar für diese rasche und grosszügige Hilfe», sagt Dima in einem Gespräch, das Raphael im Juni mit ihm führte. «Wir waren damals mit unseren beschränkten Mitteln und den wenigen eigenen Fahrzeugen angesichts der Not völlig überfordert. Darum habe ich Raphael, den ich ja kannte, angeschrieben.» Die elf Schweizer Kleinbusse sind nun seit Monaten in verschiedenen Regionen des Landes im Einsatz. Alle Fahrer sind Mitarbeitende von Campus Ukraine, die ihr «normales» Ministry nun auf ganz andere Weise ausüben.

Dima selbst fährt auch, koordiniert Einsätze der Fahrer und hilft in der Lagerhalle mit den Hilfsgüter in Kiew. Dima, 43, ist ausgebildeter Literaturlehrer und seit 25 Jahren mit Tanja verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder zwischen 14 und 24 Jahren. Als Ehepaar arbeiten sie seit über zwanzig Jahren bei Campus. Dima ist in einer atheistischen Familie mit sowjetischem Hintergrund aufgewachsen, kam jedoch schon als junger Mensch mit christlicher Literatur in Berührung und fand zum Glauben an Jesus. Mit 21 wurde er Mitarbeiter bei Campus in der Studentenarbeit und später Mitglied des nationalen Studentenleitungsteams.

Wo sollen wir hin?

«Als der Krieg ausbrach, hatten wir Panik und grosse Angst, vor allem natürlich um unsere Familie, aber auch um unsere Freunde, die als Soldaten an der Front sind», erzählt Dima. «Wir leben etwas ausserhalb von Kiew und befürchteten, dass unsere Stadt eingenommen wird. Die Frage war: Wo sollen wir hin? Wir haben keine Verwandten, die in Gegenden leben, wo es nicht auch gefährlich wäre. Ich mache mir auch Sorgen um meine Mutter, die im besetzten Gebiet lebt.»

Inzwischen hilft Dima und Tanja zusammen mit den anderen ukrainischen Mitarbeitenden, wo sie können. Sie transportieren, zum Teil unterstützt von Funk, Güter an die Front zu anderen Mitarbeitern, die als Soldaten im Dienst stehen. Sie evakuieren Menschen und konnten schon über hundert Leben retten, davon drei junge Mütter und fünf Kinder aus einer Kleinstadt nahe der russischen Grenze. Sie unterstützen lokale Kirchen im Verteilen von Lebensmitteln. Wo es Raum für persönliche Begegnungen gibt, zum Beispiel im Bunker, verteilen sie THE FOUR Armbänder und kommen ins Gespräch über den Glauben.

Gott ist da

«Ich erlebe Gott in dieser Zeit vor allem im praktischen Dienen, in dem, was jetzt möglich ist – auch dank eurer Transporter.» Dima empfindet, dass sein Glaube auf ganz neue Weise getestet wird und nun alles auf die Probe gestellt wird, was er irgendwann mal über Gott gelernt hat. Ich hatte früher viele Fragen, sie sind auch jetzt nicht alle geklärt, aber trotzdem bin ich innerlich gefestigter und werde den Glauben in Zukunft aus einer anderen Überzeugung und in einer nuen Breite weitergeben.

Drei Fragen an Raphael Marti

1. Wie bist du bei diesem Autoprojekt vorgegangen?
Eigentlich habe ich keine grossen Kenntnisse von Autos. Aber ich machte mich mal aufgrund von Dimas Bedürfnissen online auf die Suche und fand bereits am nächsten Tag eine Garage, die mehrere gleiche Kleinbusse im Angebot hatte. Ich ging die Autos probefahren und zog noch einen Freund, einen gelernten Automechaniker, bei. Zweitens suchte ich drei Campus-Kollegen und-Kolleginnen, die sich auf das Wagnis dieser Ukraineaktion einliessen und gemeinsam gewannen wir noch zwei externe Personen für die Reise. Drittens mussten alle Fahrzeuge die MFK bestehen und viertens noch mit Hilfsgütern gefüllt werden.

2. Wie hast du darin Gottes Hilfe erlebt?

Dass ich alle diese Dinge innert weniger Tage erledigen konnte, und sich sechs Personen für eine solche Aktion kurzfristig zur Verfügung stellten – ohne genau zu wissen, was sie erwartet und wie sich der Krieg entwickelt, war für mich alles andere als selbstverständlich. Kommt dazu, dass die Reise mit dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe und dann die Übergabe der Autos 100 Meter nach der Grenze wie am Schnürchen funktionierten.

3. Was ist im Rückblick die wichtigste Lektion, die du für dich und deine Arbeit gelernt hast?

Beziehungen helfen in Notsituationen. Dima hat Kontakt mit mir aufgenommen, weil er mich bereits gekannt hat. Klar, ich komme aus dem reichen Westen, aber ich glaube, dass Beziehungen nötiges Vertrauen schaffen, was gerade in schwierigen Situationen wichtig ist.

Für uns als Familie haben wir gelernt, dass wir es schaffen, wenn eine Anfrage von aussen unseren Alltag unterbricht bzw. durcheinanderbringt. Es ist gut zu wissen, dass wir auf dringende Nöte reagieren können und dass wir bereit sein wollen, uns auch in Zukunft von Gott unterbrechen zu lassen, wenn wir spüren, dass wir einen essenziellen Beitrag haben.

 

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