Kuba; Libanon

Augenhöhe ist Definitionssache

Interview von Sara Rhyner

Sie leben in Kuba und im Libanon – in Ländern, die in Krisen stecken, die sich seit Jahren verschärfen. Im Interview erzählen Nicole Metzler Domingez (Kuba), Thomas und Lydia Liechti (Libanon), wie sie mit den Menschen vor Ort unterwegs sind und warum der Ausdruck «auf Augenhöhe» Ansichtssache ist.

Ihr seid über 20 Jahren in Ländern mit vielen Herausforderungen. Wie erlebt ihr das?

Nicole: Uns wird bewusst, wie privilegiert wir sind. Wir sind freiwillig im Land und könnten rein theoretisch jederzeit gehen. Das macht einen grossen Unterschied. Wenn Kubaner die Insel verlassen können, dann gehen sie. In den letzten 16 Monaten sind über 1 Million Kubaner ausgewandert.

Thomas: Das ist im Libanon nicht anders. Jeder, den ich kenne, versucht das Land zu verlassen. Kaum jemand sagt: «Ich bin glücklich hier». Für mich ist es einfacher. Ich habe zwei Beine: eines im Libanon, eines in der Schweiz. Dadurch bin ich wahrscheinlich emotional stabiler als die Libanesen, die keine Wahl haben. Durch die  Kraft des Heiligen Geistes, kann ich in dieser «instabilen» Situation da sein und die anderen mittragen in dem, was sie durchleben.

Euer Leben ist mit viel Verzicht verbunden. Was gibt euch die Motivation, vor Ort zu bleiben?

Nicole: In Kuba bleiben wir, wegen unseren Mitarbeitenden. Zwar habe ich ihnen gegenüber manchmal auch ein schlechtes Gewissen, weil ich als Schweizerin andere Möglichkeiten habe, aber wenn ich sehe, was unsere Arbeit bewirkt, dann weiss ich, dass wir hier richtig sind.

Lydia: Zu sehen, wie Jesus im Leben der Menschen um uns herum wirkt, gibt uns Schub. Es ist mit viel Freude verbunden, wenn durch unser Coaching Menschen aufblühen. Dann vergessen wir, wie schlimm das Leben um uns herum ist.

Habt ihr ein Beispiel?

Nicole: Ich bin zurück von einer Reise in den Osten der Insel. Ich habe 3 Leiterschaftskurse für Frauen gegeben. Mich beeindrucken die Frauen, die in Kuba leben und bleiben wollen. Es motiviert mich, mit ihnen zu arbeiten. Ich schaue mit ihnen Themen wie Berufung, Führung, Selbstvertrauen, Sexualität und/oder gewaltfreie Kommunikation. Bei den Kursinhalten bin ich auf die Wünsche der Frauen eingegangen. Ihre Begeisterung zu sehen und zu erleben, dass das, was ich ihnen erzähle, in ihren Herzen ankommt. Wenn ich die Frauen frage, was sie denn nach dem Kurs empfinden, sagen sie: «berührt», «geheilt», «bestärkt» oder «freigesetzt». Dann denke ich «Wow, deswegen bin ich hier!» Wir können in Kuba die Gaben, die Gott uns geschenkt hat, nutzen. Wir finden hier ein Gefäss, wo es ankommt. So lohnen sich die ganzen Strapazen mit Stromausfällen, Reisen mit maroden Verkehrsmitteln oder die Familie eine Woche allein zu lassen. Man muss bei jedem Projekt damit rechnen, dass es in die Hosen geht. Dann muss man warten und plötzlich – Jahre später – ist alles bereit dafür. Wie cool ist das?

Lydia: Wir hatten die Möglichkeit ein Seminar für Leitungspersonen in der Studentenarbeit aus Libanon, Syrien, Jordanien und Irak zu geben. Wir gaben Inhalte aus «Leben in Freiheit» und «Gottes Stimme hören» weiter. Es war so eindrücklich zu sehen, wie der Heilige Geist gewirkt hat. Während dem Seminar sind Teilnehmende aufgestanden und haben erzählt, wie der Heilige Geist wirkt. Das bereitet uns so viel Freude.

Welchen Stellenwert haben die Beziehungen, die ihr vor Ort pflegt?

Nicole: Es ist ein langfristiges Unterwegssein, das Zeit und Kraft braucht. Veränderungen brauchen Zeit. Die Frauenkurse wären nicht möglich gewesen, hätten wir nicht eine gute Beziehung den Verantwortlichen der Denominationen  – unsere Kursinhalte hätten sonst Unmut ausgelöst. Persönlich fehlen mir enge Freundinnen. In meiner Position ist das mit einheimischen Frauen nicht möglich. Die hierarchische Kultur lässt das nicht zu. Ich bleibe die Chefin.

Thomas: Ich treffe mich wöchentlich mit meinem Schwager – wir tauschen uns aus und lassen auch mal unsere «Herzen bluten». Dadurch, dass ich schon so lange im Land bin, werde ich nicht mehr als Ausländer wahrgenommen. Ich habe einfacheren Zugang zu den Menschen und werde eher als gleichwertig angesehen. Vor allem weil ich nach bald 30 Jahren die Sprache fliessend spreche. Endlich verstehe ich auch die Witze ohne ausführliche Erklärungen. Das war lange Zeit eine Hürde. Humor ist ein Schlüssel.

Lydia: Wir hatten das gleiche Schicksal wie die Libanesen. Wir haben unser Gespartes auf der Bank verloren. Wir konnten nicht mehr für die Schulkosten unserer Tochter aufkommen. Das gemeinsame Leid hat uns näher zu den Menschen gebracht. Weil wir das gleiche Schicksal erleben und die gleichen Sorgen haben. Ich habe Familie in Libanon und wir pflegen diese Beziehungen. In unserer Kultur zählt nicht die Begegnung auf Augenhöhe, sondern die herzliche Beziehung. Frauen, die ich begleite, geben mir Einblick in ihr Herz und sie wollen meine Meinung hören. Das ist ein Ausdruck dieser Herzensbeziehung. Das zählt und ist viel wichtiger als das, was wir in der Schweiz unter Augenhöhe verstehen.

Nicole: Wir haben in Kuba eine starke Hierarchie im Staat und auch in der Politik. Wenn ich Kurse gebe, sagen sie Profe zu mir – das heisst Lehrerin und drückt Wertschätzung aus. Die Kubanerinnen und Kubaner haben Schwierigkeiten, über die kulturellen Grenzen hinweg zu denken. In Kuba ist man sich gewohnt, dass einem alles befohlen wird. Deswegen müssen die Leute keine Selbstverantwortung übernehmen.

Könnte man sagen, dass in Kuba die Vertrauensebene wichtig ist?

Nicole: Es hat auf jeden Fall mit Vertrauen zu tun. Es ist wie ein Boden, der hier gar nicht existiert: Dass der Mitarbeiter erfahren darf, dass es der Chef eigentlich gut meint, sich in ihn investiert und ihm hilft. Viele Leute sind anfangs oberflächlich und werden erst mit der Zeit ehrlich. Notlügen helfen, um keine Verantwortung tragen zu müssen. Es geht uns  darum, Wissen zu vermitteln, damit sie Kompetenz erlangen, um Selbstverantwortung zu übernehmen. Unser Auftrag ist es, Gott und unsere Nächsten auf Augenhöhe zu begegnen. Das ist Teil der Versöhnung – miteinander einen Weg zu gehen. Da zeigt sich, welche Qualität der Glaube hat. Da sind wir schon sehr nahe am Kern der Botschaft. Es braucht einfach Zeit. Das passiert nicht in einem Jahr.

Was möchtet ihr sonst noch sagen?

Lydia: Die Menschen wollen nicht nur deine Worte, deine Expertise – das brauchen sie am wenigsten. Sie müssen dich beobachten können: Wie du dich ärgerst, wie du mit deinem Mann umgehst, wie du deine Kinder behandelst, wie du Entscheidungen triffst, wie du dich versöhnst – sie wollen dich beobachten und das braucht Jahre. Und dann ist dein Sein eine Botschaft. Sie haben dein Lebenszeugnis gelesen und gehört, bevor du Worte benutzt. Da spielt es eine grosse Rolle, über lange Zeit mit den Leuten unterwegs zu sein. Sie sprechen über dich und schicken die Freunde zu dir.

Nicole: Amen dazu! Beziehung, einen Weg zusammen gehen, darum geht es. Dann funktioniert es im Kleinen und vielleicht auch ganz anders als du gemeint hast. Beim zweiten Frauenkurs hatten sie zum Teil 14- 16 Stunden lang keinen Strom. Die Frauen konnten wegen der Hitze in der Nacht nicht schlafen. Einige sind 8 km zu Fuss gegangen, um den Kurs zu besuchen. Sie sind gekommen. Da haben die in Havanna gestaunt. Wenn diese Frauen so viel auf sich nehmen, um den Kurs zu besuchen, dann denken die anderen: «Wow, da lohnt es sich zu kommen.»

Thomas: Ich habe gelernt, dass ich viel Gnade mit mir selbst brauche auf dem Weg, den ich mit den Menschen unterwegs bin. Meine beiden Standbeine: Schweiz und Libanon – sind zwei so unterschiedlich. Der Kontext im Libanon funktioniert nicht so geradlinig wie wir es uns gewohnt sind und es braucht Zeit, in die Aufgaben hineinzuwachsen.

 

Situation in Kuba und Libanon:

Die Menschen in Libanon leiden unter den Folgen einer Wirtschaftskrise 2019; einer Explosion in Beiruts Hafen 2020, die Teile der Stadt zerstört hat; Erdbeben und den Konflikten im Nahen Osten.  Die Menschen vor Ort sind von Hunger und Armut bedroht – die Stromversorgung ist zusammengebrochen. Im Weltglücksbericht befindet sich der Libanon auf Platz 142 von 143 erfassten Ländern.

Kuba ist die grösste Insel in der Karibik. Regelmässige Wirbelstürme richten Schäden an. Noch mehr leidet die Bevölkerung Kubas unter internationalen Sanktionen. Es herrscht Nahrungsmittel- und Benzinknappheit. Wegen mangelnder Zukunftsperspektiven verlassen viele Kubaner die Insel, sobald sich ihnen eine Möglichkeit bietet.

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