Libanon

Wir wollen unser Herz nicht vor der Not Verschliessen

Libanon wurde einst die Schweiz des Orients genannt. Davon sind wir heute meilenweit entfernt, denn das Land versinkt im Chaos. Wir leben ausserhalb Beirut und spüren die aktuellen Herausforderungen der Bevölkerung am eigenen Leib.

Drei Tage vor der Umstellung zur Sommerzeit, verkündete ein Minister, dass die Umstellung um einen Monat verschoben werde – wegen dem Ramadan. Damit waren nicht alle einverstanden. Bedeutende Fernsehstationen, verschiedene christliche Institutionen und die Schulbehörde entschieden sich, nicht mitzumachen und hielten am ursprünglichen Termin fest. Bis das Vorgehen geklärt war, lebten wir eine Woche in zwei Zeitzonen gleichzeitig. Das ist nur ein Beispiel für das Chaos, das in unserem Land herrscht. Bedeutungsvoller als die Zeitumstellung ist für die Leute der Währungsverfall der libanesischen Lira. Zwischen Januar und März hat sich der Umrechnungsfaktor verdreifacht. Schon mit der gescheiterten Revolution 2019 verloren Bankeinlagen an Wert. Heute sind sie wertlos. Wo führt das hin?

Warum geht ihr nicht?

Nach der grossen Explosion im Hafen von Beirut 2020 konzentrierte sich die Gesellschaft auf den Wiederaufbau der zerstörten Zone. Doch bei der Inflation können wir alle nur tatenlos zusehen. Im Winter heizen wir nur noch einen Teil unserer Wohnung, die restlichen Räume bleiben ungenutzt. Für Benzin oder Brot müssen wir teilweise Schlange stehen. Weil die Stromversorgung nicht funktioniert, produzieren wir eigenen Solarstrom. Wer kann, verlässt das Land. Das sind Ärzte, Lehrpersonen und andere Fachkräfte. Diese fehlen nun, was die Situation weiter verschlimmert. «Was tut ihr eigentlich noch hier? Warum geht ihr nicht? Ihr könnt gehen, wir müssen bleiben», fragte eines Tages Lydias Schwester. Dann brach sie in Tränen aus, und bevor wir antworten konnten, dankte sie für unsere Arbeit und unser Dasein. Wir sind für die Menschen eine Ermutigung, weil wir gemeinsam mit ihnen das Rütteln und Schütteln Libanons durchleben und durchstehen.

Existenzfragen

Die Erdbeben-App warnt 20 Sekunden, bevor die Schockwellen uns erreichen. Anfang März spürten wir eine Woche lang das Rütteln und Schütteln des Bebens, das in der Türkei und Syrien so grosse Schäden angerichtet hat. Materielle Schäden gab es im Libanon nur wenige. Aber die Beben rissen bei den Menschen alte Wunden auf. Die Menschen im Norden des Landes und in Beirut rannten in Panik auf die Strassen, im Wissen, dass ihre Häuser nicht mehr viel aushalten. Erinnerungen an den Krieg und die grosse Explosion kamen wieder hoch – unverarbeitete Traumata. Das führt dazu, dass die Libanesen Existenzfragen plagen und sie Antworten darauf suchen. Wir sind mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt und besuchen sie in ihren Häusern. Die Besuche dauern oft lange: In der ersten Stunde geht es um Höflichkeiten, Oberflächliches und Allgemeines. In der zweiten Stunde kommt Persönliches zur Sprache. Wenn wir denken, es wäre Zeit zum Aufbrechen, beginnen die Fragen über den Glauben an Jesus. Wir erzählen ihnen Geschichten von Jesus – wie er geheilt hat und mit den Menschen unterwegs war. Wir wollen ihnen Gottes Liebe näherbringen, sie aber keinesfalls zu einer Religion bekehren. Wir ermutigen sie, ihren Glauben entsprechend ihrer Kultur und Sprache auszudrücken, und nicht einfach abendländische Vorstellungen und Formen zu übernehmen. Dabei binden wir immer die ganze Familie ein, denn der Familienzusammenhalt ist wichtig. So entdecken sie das Evangelium gemeinsam.

Das Leben im Libanon ist anstrengend. Wir haben uns an den Stresslevel der wiederkehrenden Krisen gewöhnt, aber die Inflation und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft machen uns zu schaffen. Wir wollen unser Herz nicht vor der Not der Menschen verschliessen, auch wenn wir über unser Vermögen beansprucht werden. Wir wollen eine Oase im Chaos sein.

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